Bla bla bla oder Geist des Wandels?

Die Spannbreite zwischen Aufbruchstimmung und Resignation nach der Klimakonferenz in Glasgow (COP26) ist groß. Die Greta Thunbergs dieser Welt sind frustriert über zu viel heiße Luft und zu wenig eingelöste Versprechen. Die Optimist:innen erkennen den Fortschritt bei den Zusagen, auch wenn das angepeilte Szenario von 2,4° Grad Erderwärmung nur theoretisch erreichbar ist. Die Fieberkurve hängt davon ab, wie Absichtserklärungen von der Politik in die Tat umgesetzt werden. So wird der zaghaft eingeleitete, wegweisende Kohleausstieg nur dann rasch erfolgen können, wenn die Erneuerbaren Energien kompromisslos zur neuen Leitenergie werden. Die designierte Ampelkoalition will den Ausbau von Solar- und Windenergie drastisch beschleunigen, ihr Wort in Gottes Ohr. In der Praxis treffen Wunsch und Wirklichkeit hart aufeinander. Genehmigungsverfahren dauern viel zu lange, gestörte Lieferketten verzögern den Bau von klimaneutralen Kraftwerken. Können wir die Chance nutzen, bevor es zu spät ist?

Wenn man die Welt aus der Ist-Perspektive betrachtet, sieht man ein Zeitfenster, das sich rapide schließt. Der Weltklimarat IPCC kommt in seinem im August 2021 veröffentlichten Bericht zu dem Schluss, dass wir die Schwelle von 1,5 Grad ohne zusätzliche Anstrengungen bereits Anfang der 2030er Jahre reißen werden. Wer sich erhoffte, dass auf der Klimakonferenz die Weichen Richtung 1,5-Grad-Pfad gestellt würden, muss ernüchtert feststellen, dass dem nicht so ist. Stattdessen steuern wir bis Ende des Jahrhunderts auf eine Erwärmung von 2,4 Grad Celsius zu. Wechselt man die Perspektive, könnte man anerkennen, dass aus einem 4-Grad-plus-Szenario seit der berühmten Klimakonferenz in Paris, sofern die Vereinbarungen aus Glasgow wirklich umgesetzt werden, ein 2-Grad-plus-Szenario noch möglich erscheint. Die Richtung auf dem Papier stimmt, dieser Fortschritt in sechs Jahren ist nicht zu unterschätzen.

Alles schön und gut, aber eben nur auf dem Papier. Denn wieder einmal wurden aus nationalen Interessen heraus ambitionierte Ziele verwässert, Formulierungen abgeschwächt. Nicht mal der schwammige Aufruf an die rund 200 teilnehmenden Staaten, “ihre Bemühungen in Richtung eines Ausstiegs” aus der Kohlenutzung zu beschleunigen, konnte sich in der Abschlusserklärung halten. Stattdessen soll die Nutzung von Kohlekraftwerken ohne CO2-Abscheidung “schrittweise verringert” werden. Ein Trauerspiel. Besorgniserregend ist auch die nach wir vor existierende Lücke in der internationalen Klimafinanzierung und eine nicht existierende Lösung zur Haftung von Klimafolgen. In Summe sind die Ergebnisse von Glasgow schlicht ungenügend. Denn es wird gerne verkannt, dass unser Handeln in den nächsten 10 Jahren über die Zukunft auf unserem Planeten entscheidet. Und hier schiebt die Weltgemeinschaft wesentliche Weichenstellungen auf die lange Bank.

Mann in S/W vor grünem Hintergrund mit Header
Kolumne “So schaut’s aus!” Foto: Sina Scherer

Aus Sicht der Politik besteht die Herausforderung darin, einen radikalen Kurswechsel einzuleiten, ohne in der Wahrnehmung der Wähler:innen eine ganze Herde heiliger Kühe auf einmal zu schlachten. Auch wenn es nötig wäre. Schließlich möchte man auch in Zukunft noch Wahlen gewinnen. Das ist insofern problematisch, da sich auf nationaler Ebene entscheidet, wie Klimaschutzziele schnell in konkrete Handlungspläne gegossen werden. Wie schnell das Ende einer kohlenstoffbasierten Lebensweise herbeigeführt werden kann.

Die Zeiten in den wir es uns leisten könnten, auf jede Befindlichkeit Rücksicht zu nehmen, sind vorbei. Es wird im Hinblick auf die Energiewende spannend sein zu sehen, ob die zukünftige Ampelkoalition den Menschen den sichtbaren Wandel in unserer Kulturlandschaft als ein erstrebenswertes Ziel schmackhaft machen kann und will. Ob Raumkonflikte im Konsens gelöst und viele Gigawatt regenerative Kraftwerke gebaut werden können. Denn in der Praxis bedeuten beschleunigte Genehmigungsverfahren für Wind- und Solarparks nichts anderes als einen vehementeren Eingriff in Hoheits- und Mitbestimmungsrechte einzelner Akteure. Der aktuelle Planungshorizont von 5-10 Jahren für Windkraftanlagen bzw. 2-3 Jahre für Solarparks führt dazu, dass wir das Rennen um viele zehntel Grad Erderwärmung verlieren werden, weil wir schlicht zu langsam sind. Insofern hat die Klimabewegung recht, wenn Sie das ‚Bla Bla Bla‘ anprangert und endlich Taten sehen will. Der Koalitionsvertrag wird zeigen, ob die Ampel Hemmnisse wirklich beseitigen kann.

Für die Erneuerbaren-Energien-Branche ist die Aufgabe schneller Projektrealisierungen unabhängig von politischen Ränkespielen nicht leichter geworden. Durch Corona sind weltweit Lieferketten massiv gestört. Dies führt zunehmend zu erheblichen Verzögerungen auf den Baustellen großer Wind- und Solarparks. Für Solarmodule fehlen Rohstoffe, für die Anlagensteuerung elektronische Komponenten, Gondeln und Anlagenteile für Windparks hängen in chinesischen Häfen fest, anstatt auf fertige Türme gehievt zu werden. Der Hochlauf nach der Pandemie (war da was?) hat Konsequenzen auf den Weltmeeren und damit für die Dynamik der hiesigen Energiewende: Container sind knapp, Lieferrouten überlastet. Diese Verzögerungen mögen in langlaufenden Klimaintervallen nicht der Rede wert sein. Wenn man noch knapp 10 Jahre hat, schon eher.