Der Rebound Effekt - Ein blinder Fleck in der Ökologiedebatte

Der Rebound Effekt wird in der ökologischen Debatte gerne verdrängt – auch weil er viele Prognosen und Erwartungen im Bereich des Klima- und Ressourcenschutzes in Frage stellt. Er ist das große „ja aber“ wenn es um Effizienzsteigerung geht. Was nutzt das neue Auto, das nur die Hälfte des bisherigen Benzinverbrauchs benötigt, wenn man dafür, ausgestattet mit gutem Gewissen, doppelt so viel fährt? Der Referent Tilman Saritas ging in seinem inspirierenden Vortrag diesem Effekt auf dem Grund.

Die Idee einer „Effizienzrevolution“ ist seit jeher eine Leitstrategie der Umweltbewegung. Energieeffizienz gilt auch als zentraler Bestandteil der deutschen Energiewende: Ohne besser gedämmte Häuser, sparsamere Autos oder effizientere Haushaltsgeräte sind die klima- und energiepolitischen Ziele der Bundesregierung kaum zu erreichen. Wenn die Effizienz nur stark genug gesteigert werde, so die Annahme, würde auch der Naturverbrauch deutlich zurückgehen: Effizienz gleich Sparsamkeit.

Eine Illusion? De facto haben genau jene Industriegesellschaften, die seit zweihundert Jahren die größten Produktivitäts- und Effizienzfortschritte seit Menschengedenken erzielt haben, laufend mehr Energie verbraucht. Effizienz kurbelt offenbar das Wachstum an und erhöht so wiederum den Ressourcenverbrauch – ein Dilemma, genannt „Rebound-Effekt“.

In seinem Vortrag analysierte der Soziologe und Volkswirt Tilman Santarius anhand verschiedener Beispiele, wie rein technische Lösungen der Nachhaltigkeit („Effizienzrevolution“) ihr Ziel verfehlen.

Was sind die Gründe für diese Rebound-Effekte?

Werden durch sie die Ziele der Klima- und Energiepolitik in Frage gestellt? Und wie könnte es gelingen, Rückschläge durch Rebound-Effekte zu vermeiden? Diesen Fragen ging Tilman Santarius in seinem spannenden Vortrag nach. Diesen begann Santarius mit einer Standortbestimmung: Wo stehen wir?

Zentrales Ergebnis der Klimakonferenz von Paris ist: „…die Zunahme der globalen Erwärmung auf deutlich unter 2 °C gegenüber vorindustriellem Niveau zu halten“ und „…Anstrengungen unternehmen, die Erwärmung auf 1.5 °C zu begrenzen“. Aber was bedeuten die Paris Ergebnisse für Deutschland? Sanitarius bekräftigte, dass dafür die Treibhausgase vor 2035 auf Null reduziert werden müssen. Das beinhaltet auch die Umstellung auf 100% Erneuerbare Energien und den Ausstieg aus der Kohle bis 2025. Die Effizienz der Wirtschaft ist seit der Industrialisierung immer weiter gestiegen. Der Energieverbrauch (in absoluten Zahlen) ist dabei aber trotzdem nicht zurückgegangen.

Dies ist nach Santarius auf den Rebound-Effekt zurückzuführen. Santarius definiert den Rebound-Effekt als gesteigerte Nachfrage nach einer Energiedienstleistung, die von einer Energieeffizienzsteigerung bedingt oder zumindest ermöglicht wird. Dabei unterscheidet er zwischen direktem und indirektem Rebound-Effekt bei Konsumenten, Produzenten und Volkswirtschaften.

Direkter und indirekter Rebound-Effekt

Der direkte Rebound stellt sich ein, wenn eine Energiesparlampe länger eingeschaltet bleibt oder ein benzinsparendes Auto häufiger gefahren wird. Diese Probabilität liegt, nach wissenschaftlichem Konsens, bei 10 – 30 %. Um einen indirekten Rebound handelt es sich, wenn ein Hausbesitzer Geld durch die Wärmedämmung seines Gebäudes spart und dieses in eine Emissionen verursachende Flugreise investiert. Beides sind ökonomische Rebounds. Nicht zu unterschätzen sind psychologische Rebounds. So begreift der Besitzer eines neuen Hybridautos dessen Kauf als gute Tat. Er ist cooles Statussymbol und der alte Benzinschlucker wird weiter als Zeitwagen genutzt oder den Kindern weiter gegeben.

Auch bei Produzenten gibt es den Rebound-Effekt. War der VW-Käfer im Jahre 1955 nur 750 kg schwer und verbrauchte 7,5 Liter / 100km, bring es sein Nachfolger im Jahr 2005, der VW-Beatle, trotz all technischen Fortschritts auf 1.200 kg und verbraucht immer noch 7,1 Liter / 100km. Santarius fasst diese Beispiele in der Fifty-Fifty-Faustregel zusammen: Langfristig und im Durchschnitt werden mindestens 50% des Einsparpotentials von Energieeffizienzsteigerungen durchdirekte und indirekte Rebound Effekte „aufgefressen“.

Die Gesellschaft hat das Streben nach Effizienz in allen Lebensbereichen verinnerlicht

Dieses Dilemma basiert für Santarius auf dem Effizienzdenken. Seiner These zufolge hat sich das ständige Streben nach Effizienz aus der Wirtschaft auf die Gesellschaft übertragen. Und dieses Effizienzdenken findet in einer Gesellschaft statt, die wirtschaftlich stets auf Wachstum getrimmt ist. Santarius plädiert für eine grundsätzliche Wiederaufnahme der Wachstumsdebatte. Die Rahmenbedingungen des Kapitalismus, wie wir ihn kennen, müssten neu diskutiert werden. Erst wenn die Wirtschaft aufhöre zu wachsen, könne der Naturverbrauch hinreichend verringert werden, so das Fazit seines spannenden Vortrages. Die ca. 80 Besucher des Münchner Forums Nachhaltigkeit nutzen im Anschluss die Möglichkeit, dem Referenten viele Fragen zu stellen.

Den Videomitschnitt zum Vortrag sowie die PowerPoint-Präsentation finden Sie hier.