Flutkatastrophe: Warum die Klimabewegung neue Begriffe & frische Köpfe braucht

In Wahlkampfzeiten, garniert mit einer veritablen Flutkatastrophe, treten zwei Phänomene zwischenmenschlicher Kommunikation deutlicher als sonst zum Vorschein. In der medialen Darstellung und in unserer Wahrnehmung geht es um unsere Verknüpfung von Attributen mit Personen, die für bestimmte Themen stehen. Statt Inhalten und Fakten sind es häufig Assoziationen, die wir mit Botschafter*innen verbinden, was zum Problem wird, wenn es um grundlegende Themen wie den Klimawandel und seine Auswirkungen geht. Denn „die Grünen“ und „Greta Thunberg“ lösen bei denen, die es inhaltlich zu überzeugen gilt, zum Teil heftigste Abwehrreaktionen aus. Die Klimakrise wird zum Inhalt eines Kulturkampfes, der nur mit neuen Begriffen und frischen Köpfen zu gewinnen ist. Dies wird gerade bei den Reaktionen auf die verheerenden Überschwemmungen deutlich. Warum die aktuelle Kommunikationsstrategie der Klimabewegung kontraproduktiv ist.

Man tritt dem Konservatismus nicht zu nahe, wenn man feststellt, dass dessen Weltbild auf christlichen Werten und dem Erhalt von gewachsenen gesellschaftlichen Strukturen basiert. Vor diesem Hintergrund müsste der Klimaschutz ein nicht verhandelbares Kernthema des konservativen Spektrums sein, bedroht er doch unsere Kulturlandschaft, unser Lebensmodell und unsere Traditionen. Die Veränderung der klimatologischen Bedingungen rüttelt an den Grundprinzipien des Konservatismus: Identität, Sicherheit und Kontinuität werden allesamt Opfer eines sich unumkehrbar und schnell wandelnden Lebensumfelds. Das zeigen die aktuellen Bilder aus Überflutungsgebieten in Westdeutschland auf dramatische Weise. Der Klimawandel verändert „Heimat“ in einer Radikalität, die allen Christdemokrat*innen vor Schreck die Bibel aus der Hand fallen lassen sollte.

In den 1980er Jahren war der Klimawandel in konservativen Kreisen auf der politischen Agenda präsent, so haben in den USA sowohl die Reagan, als auch die H.W. Bush Regierung mit der Ratifizierung des Montreal Abkommens 1987 und der Gründung Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) die politische Verantwortung noch erkannt. In der Folgezeit haben jedoch Lobbyisten wie die von Exxon finanzierte Global Climate Coalition sehr erfolgreich Zweifel gesät und Klimaschutz über die Jahre weltweit als wirtschaftsfeindlich und ‚links‘ gebrandmarkt. Es war nur eine Frage der Zeit, bis es konservativen Parteien auch hierzulande wichtiger war, ihren Markenkern als Wirtschaftsparteien zu schärfen als ihre politische Agenda auf ihrem tieferliegendem Wertegerüst aufzubauen.

Kolumne “So schaut’s aus!” Foto: Sina Scherer

Stattdessen hat die Umweltbewegung den Kampf gegen den Klimawandel als Thema aufgegriffen und damit einen Prozess in Gang gesetzt, der heute ungewollt verheerende Auswirkungen hat. Aus einem Thema, das eigentlich unabhängig von der politischen Einstellung getragen werden müsste, wurde Klimaschutz zum Programm von „ideologisch denkenden, links-grün versifften Umweltschützern“ erklärt und war damit in konservativen Kreisen nicht mehr mehrheitsfähig. Dieses „Framing“, also der mit Emotionen verknüpfte Deutungsrahmen für Begriffe wie „der Klimawandel“ ist eine mächtige Barriere im Kopf und beeinflusst unsere Meinung und unser Verhalten.

Denn wenn es in den USA die Demokratische Partei, in Deutschland die Grünen und weltweit Fridays for Future sind, die mehr Klimaschutz anmahnen, dann ist das ein Problem für alle Menschen, die sich keiner dieser Organisationen bzw. deren Weltbild zuordnen. Es werden die Botschafter*innen abgelehnt, nicht die Botschaft selbst. Studien zeigen, dass eher konservativ denkende Menschen kein grundsätzliches inhaltliches Problem zum Thema Erderwärmung haben, aber mitunter Hautauschlag bekommen, wenn die Botschaften dazu aus den Mündern von Al Gore, Annalena Baerbock oder Greta Thunberg kommen. Klimabotschafter*innen werden somit unfreiwillig zum schwächsten Glied in der Kommunikationskette von wissenschaftlich belegbarer Information. Denn die Empfänger stellen sich unterbewusst diese Fragen: Ist der Botschafter für mich glaubwürdig? Ist der Botschafter jemand der meine Werte, Überzeugungen und Ansichten teilt? Nein? Dann glauben sie es nicht.

Das ist insofern fatal, weil es nicht, wie bei vielen anderen politischen Entscheidungen, „nur“ darum geht in was für einer Gesellschaft wir leben wollen, sondern ob wir es schaffen unsere gemeinsamen Lebensgrundlagen zu erhalten. Verlieren wir also den Kampf um unser Habitat, weil das Lagerdenken unsere Ratio vernebelt? Das könnte durchaus sein. Hinzu kommt ein weiteres Problem. Klimawandel, Kohlendioxid und Dekarbonisierung sind Begriffe, die nicht gefährlich klingen und, abstrakt wie sie sind, keinerlei Emotionen auslösen. Ein Lichtblick ist die Tatsache, dass „der Klimawandel“ bereits durch „die Klimakrise“ ersetzt wurde. Jetzt braucht es frische Köpfe, die keinem Lager zugeordnet sind und die Klimakrise als das beschreiben, was es ist: eine tickende Zeitbombe, die ganze Landstriche unbewohnbar macht. Es ist verständlich, aber nicht zielführend, wenn die Klimabewegung im Zuge der aktuellen Flutkatastrophe das „wir heben es schon vor 20 Jahren gewusst“-Pferd reitet und triumphierend ins besserwisserische Horn bläst. Die eigentliche Chance in der Berichterstattung über die Zerstörungen der Extremwetterereignisse besteht darin, dass die Klimakrise als ein von uns selbst verursachtes Problem mit akutem Handlungsbedarf wahrgenommen wird. Auch in konservativen Kreisen. Machen wir es ihnen nicht schwerer als es ist.

 

Quellen:
George Marshall, 2014, Don`t even think about it – Why our brains are wired to ignore climate change, Bloomsbury
George Lakeoff, 2004, Don’t Think Of An Elephant!: Know Your Values And Frame The Debate, ‎ Chelsea Green Publishing Co.