Leben am Fluss

Lange Zeit waren Flüsse hauptsächlich Handelsstraßen und wurden begradigt, vertieft, verwirtschaftlicht. Dabei können sie so viel mehr bieten an Lebensqualität und im Bereich Klimaschutz.

von Gianna Niewel | Lesezeit 5 Minuten

Um die Bedeutung von Stadtflüssen zu bemessen, muss nicht Sommer sein. Die Isar in München, acht Grad, es ist diesig: Paare flanieren, Menschen führen ihre Hunde aus, joggen über Pfade am Ufer entlang. Im Sommer ist natürlich noch mehr los: Auf den Wiesen feiern Jugendliche, auf den Kiesinseln sonnen sich die Nackten, Kinder planschen im flachen Wasser. Der Fluss ist ein Ort für alle, unabhängig von ihrer Religion, Ethnie und Bildung. Während die Stadt dröhnt und pulsiert, bietet der Fluss Ruhe und Frische in der Hektik des urbanen Alltags.

Ob Frankfurt am Main, Halle an der Saale, Mülheim an der Ruhr – Flüsse waren in der Historie Lebensadern, an ihren Ufern errichteten Menschen Städte. Der Stadtfluss diente als Transportweg und Trinkwasserspeicher, als Antrieb für Mühlensysteme und als Schutzgraben. Das änderte sich im 19. Jahrhundert. Flüsse wurden kanalisiert, mit Wehren und Kaimauern in Betonbetten gezwängt. Viele Tierarten verschwanden, bei Hochwasser verwandelten sich selbst kleinere Flüsse in reißende Ströme. Doch der ökonomische Nutzwert ging vor. Vor rund 30 Jahren setzte ein Umdenken ein: Der Fluss sollte nicht mehr nur Wirtschaftsraum sein, sondern auch Naherholung bieten, die Möglichkeit zur Ökostromgewinnung und ein Stück Natur für die Verbesserung des Stadtklimas.

Die Isar in München

Eine international beachtete Erfolgsgeschichte ist die Umgestaltung der Isar in München. Der Mitte der 90er-Jahre entwickelte Isarplan hatte drei Ziele: den Hochwasserschutz, die Naturnähe der Flusslandschaft und eine Steigerung des Freizeitwerts. „Da hieß es alte eingefahrene Pfade zu verlassen, Visionen und Pioniergeist zuzulassen, miteinander zu reden. … Und es war toll, wie viele gerne mitmachten“, erzählt Nico Döring, damals Koordinator der Isarallianz, in einem Interview auf gruenundgloria.de. Bis 2011, insgesamt elf Jahre lang, wurde der Flusslauf auf einer Länge von gut acht Kilometern renaturiert.

Auf der einen Flussseite stützt eine Mauer einen Hang und die Straße. Auf der anderen Seite ziehen sich abgeflachte Ufer hin, vorgelagerte Kiesbänke, das Flussbett ist verbreitert worden. Diese Verbreiterung ist ein natürlicher Hochwasserschutz, das Wasser kann auf die Wiesen weichen. Auf kleinen Deichen verläuft eine Allee, in den Deichen versteckt ist eine Wand, die bei Hochwasser angrenzende Stadtteile schützt. An den Ufern laden Gartenanlagen zum Spazieren ein, im Sommer finden Konzerte und Flohmärkte auf der Praterinsel statt.

Der Fluss ist wichtiger Bestandteil der Stadtkultur und es gibt viele Ideen dazu. Der Isarlust e.V. setzt sich zum Beispiel für die Einrichtung eines Flussbads mitten in der Stadt ein. Doch Politik und Bürger haben die Isar nicht nur für die Menschen zurückerobert: Es gibt Fischtreppen, Störsteine, Nischen für Biber und Moorenten. Mit Weiden bewachsene Inseln, stille Seitenarme.

Hartmut Keitel kümmert sich darum, dass die Isar idyllisch bleibt. „Ein Stadtfluss ist ein Privileg, und dieses Privileg bedeutet Verantwortung“, sagt er. Keitel arbeitet als Fotograf. In der Freizeit haben er und sein Team ehrenamtlich Filmspots gedreht, die in Münchner Kinos liefen. Sie haben rund 300 Plakate gedruckt und aufgehängt: „Ganze Kerle, ganze Flaschen“ prangt etwa darauf. Wenn Schulklassen anfragen, trifft Hartmut Keitel sich mit den Kindern an der Isar und lässt sie in einem spielerischen Rahmen Müll sammeln. Sie sollen lernen, dieses Stück Natur in der Metropole wertzuschätzen. Damit sie später auch selbst nach dem Grillen oder Feiern ihren Müll nicht unachtsam liegen lassen. Schon eine Zigarettenkippe, sagt er, verdreckt 40 Liter Wasser.

Isarkraftwerke erzeugen grünen Strom, darunter auch das Praterkraftwerk, ein innovatives Gemeinschaftsprojekt von Green City und den Stadtwerken München, das den Ökostrom unterirdisch und von außen unsichtbar produziert.

Seit in den Klärwerken das Wasser mit UV-Bestrahlung entkeimt wird, ist die Isar deutlich hygienischer geworden. Natürlich hängt die Qualität des Wassers von der Witterung ab, aber auch davon, ob die Menschen sich um ihren Fluss kümmern. Der Name von Hartmut Keitels Verein ist ein Appell: Deine Isar. Doch die Isar ist auf den 14 Kilometern, die sie das Stadtgebiet durchfließt, nicht nur urbane Kraftquelle für die Stadtbewohner.

Isarkraftwerke erzeugen grünen Strom, darunter auch das Praterkraftwerk, ein innovatives Gemeinschaftsprojekt von Green City und den Stadtwerken München, das den Ökostrom unterirdisch und von außen unsichtbar produziert.

Alternative Energien auf der einen Seite, auf der anderen Seite das Bestreben der Betreiber, den regenerativen Strom im Einklang mit der Ökologie und dem Gewässerschutz zu erzeugen. Schonende Nutzung: Das impliziert, dass einem Fluss nicht zu viel Wasser abgezwackt wird – er büßt sonst Fließgeschwindigkeit ein und das Ökosystem könnte leiden.

Colorado und Seoul

Die Isar ist ein Vorbild für andere Städte, in denen die Flüsse noch darunter leiden, dass sie sich der Stadt und der Industrie anpassen mussten. Wie zum Beispiel der Colorado River. Er versorgt große Teile des US-amerikanischen Westens mit Wasser. Über Kanäle wird sein Wasser bis nach Los Angeles, Phoenix und Tucson geleitet. Und zwar so viel, dass der Colorado in seinem Unterlauf in Mexiko immer weniger Wasser führt. 2014 dann das Umdenken: Im Zuge der Renaturierung wurde wieder Wasser in den Unterlauf abgegeben. Das erste Mal seit Langem erreichten die Fluten das Flussdelta am Golf von Kalifornien, in der Folge erholten sich Flora und Fauna in dem völlig ausgetrockneten Feuchtgebiet.

Im koreanischen Seoul wiederum wurde der Lauf des Cheonggyecheon erst eingedämmt, dann zubetoniert, über ihm rauschten Autos auf einer Hochautobahn. 2005 wurde der Fluss wieder freigelegt. Am Abend bunt beleuchtet, ist er nun ein Magnet für Touristen und Einheimische. Aber nicht nur das: In den angrenzenden Stadtvierteln hat sich die Feinstaubbelastung verringert, dank der Kühlung durch das Wasser sind dort die Höchsttemperaturen an heißen Sommertagen um durchschnittlich mehr als 3 Grad zurückgegangen.

Chicago River

Ein Beispiel dafür, wie sich Politik und Bürger gemeinsam engagieren können, ist der Chicago River. Bei diesem rund 250 Kilometer langen System aus Flüssen und Kanälen im Stadtgebiet von Chicago soll gelingen, was in München schon geschafft ist: dem Fluss Leben zurückzugeben.

Der Chicago River war lange ein toter Raum, ein Transportkanal, der der Stadt zu wirtschaftlicher Bedeutung verholfen hat. In den 1880er-Jahren liefen hier jährlich mehr als 22.000 Schiffe ein. Aber das Wasser war so schmutzig, dass Anfang des 20. Jahrhunderts sogar seine Fließrichtung geändert wurde, damit er den Dreck in einen Kanal und nicht in den Michigansee fließt und dort das Trinkwasser vergiftet.

Als 1979 das Chicago Magazine einen Artikel mit der Headline „Our Friendless Chicago River“ veröffentlichte, gründeten kurz darauf engagierte Bürger die Initiative „Friends of the Chicago River“, eine selbstbewusste Replik. Margaret Frisbie und ihre zwölf Kollegen verfolgen ein ambitioniertes Ziel. Sie wollen den ehemals „stinkenden Fluss“ zu einem der lebenswertesten Stadtflüsse der Welt machen.

„Wir können nicht immer darauf warten, dass andere etwas tun“, sagt Frisbie. Seitdem betreiben sie aktiven Naturschutz – angefangen beim Einsammeln von Müll über den Kampf gegen Wasserverschmutzung bis hin zur Wiederansiedlung von zuvor verschwundenen Tierarten.

Doch bei allem Engagement passieren große Veränderungen meist nicht über Nacht. Und es hat lange gedauert, bis auch die Stadtpolitiker den Wert ihres Flusses erkannt haben. Jetzt gibt es endlich einen großen Entwicklungsplan: Der Chicago River, seine sanierte Flusslandschaft, die Uferpromenade, sie sollen die Stadt repräsentieren wie sonst nur die Skyline und das Footballteam. Ziele bis 2030 sind zum Beispiel der Umbau des Hafens und die weitere Verbesserung der Wasserqualität. Bis 2040 dann: der Chicago River als Lebensraum sein für Menschen, Tiere und Pflanzen – in dem man sogar wieder schwimmen kann.

Gemeinsam mit der Politik wird es für Margaret Frisbie darum gehen, nicht nur den Touristen, sondern allen voran den Einwohnern von Chicago selbst ein wichtiges liebens- und lebenswertes Stück Natur zurückzugeben: ihren Stadtfluss.

 

Hinweis der Redaktion: Dieser Artikel ist erstmals in der dritten Ausgabe des Green City Life Magazins (Erstveröffentlichung in Ausgabe 1/2017) erschienen. Die besten Beiträge haben wir hier in unseren Stories nochmals Online gestellt.

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