Mut zum Wechsel

Die Elektrifizierung hat den Städten Ende des 19. Jahrhunderts Komfort, Wohlstand und Sicherheit gebracht. Höchste Zeit, diesen Faden wieder aufzunehmen – durch eine Politik, die Ökostrom zur Leitenergie unserer Städte macht.

von Ralph Diermann | Lesezeit 5 Minuten

Eine Zeitreise ins Jahr 2030, ein Sommertag am Münchner Stachus: Das Geplauder der Passanten erfüllt den Platz, grundiert vom Rauschen des Springbrunnens. Am Rand spielt ein Straßenmusiker, Geschirrgeklapper in den Straßencafés. Autolärm? Röhrende Motoren? Nur ein sanftes Schnurren liegt in der Luft. Denn wo heute noch Benzin- und Dieselfahrzeuge den Platz zerschneiden, gleiten Elektrobusse vorbei. Die Bürger haben sich die Stadt zurückerobert: Grünflächen und ein Spielplatz statt mehrspuriger Straße, breite Wege geben Fußgängern und Radfahrern viel Platz.

Ein enormer Gewinn an Lebensqualität – möglich gemacht durch eine konsequente Verkehrswende: Benzin- und Dieselfahrzeuge sind aus der Stadt verschwunden. Mit ihrem Schadstoffausstoß, dem Lärm, ihrem Platzbedarf passen die fossilen Vehikel nicht mehr zum Selbstbild Münchens als moderne Metropole. Stattdessen bringen Elektrobusse die Bürger schnell und bequem in alle Winkel der Stadt. Wer individuell unterwegs sein will, leiht sich ein Elektroauto. Carsharing-Standplätze finden sich an jeder Straßenecke. So ist die Mobilität zu einer jederzeit und überall verfügbaren Dienstleistung geworden.

Das eigene Auto als Statussymbol? Lange vorbei.

Benzin und Diesel sind Vergangenheit, so antiquiert wie heute Kohlebriketts für den Heizungskeller. Strom hat die fossilen Kraftstoffe ersetzt. Doch wo kommt der her? Aus der Nachbarschaft – die Stadt selbst ist Kraftwerk. Denn die Fotovoltaik ist so günstig geworden, dass nahezu jede freie Fläche für die Stromerzeugung genutzt wird. Dank neuer Materialien lassen sich die Solarzellen unauffällig in das Stadtbild integrieren. Lokal erzeugter Ökostrom ist die Energie, die unsere Städte im Jahr 2030 in Bewegung bringt – grün, sauber, komfortabel. Und unsere Häuser wärmt: Strombetriebene Wärmepumpen, gekoppelt mit Solaranlagen und Batteriespeichern, ersetzen die Gas- und Ölheizungen. Ganze Stadtquartiere werden energieautark, weil effiziente Blockheizkraftwerke mit CO2-neutralen Brennstoffen Strom und Wärme liefern.

Ein großer Teil der klimafreundlichen Technologien ist praxisreif oder sogar schon im Einsatz. Was fehlt, ist der Mut, sie für einen konsequenten Systemwechsel zu nutzen: weg von den fossilen Energien im Verkehr und in der Wärmeversorgung, hin zu lokal erzeugtem Ökostrom als Leitenergie.

Ein kühner Traum? Nein, eine Aufforderung zum Handeln!

Denn ein großer Teil der klimafreundlichen Technologien ist praxisreif oder sogar schon im Einsatz. Was fehlt, ist der Mut, sie für einen konsequenten Systemwechsel zu nutzen: weg von den fossilen Energien im Verkehr und in der Wärmeversorgung, hin zu lokal erzeugtem Ökostrom als Leitenergie. Das Signal zum Aufbruch muss die Politik geben. Es gilt die Bedingungen für Investitionen in Konzepte und Technologien zu verbessern und die ordnungspolitischen Vorgaben anzupassen.

Ansatzpunkte dafür gibt es genug. Den Kommunen kommt dabei eine Schlüsselrolle zu. Bereits heute haben sie großen Gestaltungsspielraum: Sie können ihre Stadtplanung auf die Verkehrswende ausrichten, Straßenlaternen zu Stromtankstellen aufrüsten oder ihren Fuhrpark auf emissionsfreie Antriebe umstellen.

Noch wichtiger wäre es, ihnen per Gesetz die Möglichkeit zu geben, Maßnahmen zu verabschieden, die ihnen bislang verwehrt sind – zum Beispiel Stadtgebiete für fossile Fahrzeuge zu sperren.

„Die Politik muss die rechtlichen und fiskalischen Rahmenbedingungen für die Kommunen schaffen“, verlangt Burkhard Horn, Leiter der Abteilung Verkehr in der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz Berlin. Und ergänzt: „Zuallererst muss sie aber ihr Glaubwürdigkeitsdefizit beseitigen, insbesondere auf Bundesebene, wo hinsichtlich einer ernst gemeinten Verkehrswende bislang kaum etwas zu sehen ist.“ Genauso ist die Politik gefordert, die Bedingungen für die Erzeugung von Ökostrom in den Städten zu verbessern.

Stadtansicht mit Hochhaus, davor ein mit Solarpanels überdachter Parkplatz.
Noch Vision oder bald Realität? Durch die zügige Elektrifizierung in Städten könnte Lebensqualität geschaffen werden.

Volker Quaschning von der Hochschule für Technik und Wissenschaft in Berlin ist überzeugt, dass künftig mindestens dreißig Prozent des Strombedarfs durch die Fotovoltaik gedeckt werden muss. „Dabei ist es naheliegend, die Fotovoltaikanlagen in der Nähe der Verbraucher zu installieren, um so den Leitungsausbau zu begrenzen“, sagt der Wissenschaftler. „Die Hälfte des nötigen Zubaus ließe sich auf Dächern und an Fassaden von Gebäuden installieren, wenn die Regierung dafür günstige Rahmenbedingungen schaffen würde.“ So schlägt Quaschning vor, die Belastung des Eigenverbrauchs von selbst erzeugtem Solarstrom zu beenden.

Wenn die Politik jetzt handelt, wird das Leben in den Städten schnell und spürbar eine neue Qualität gewinnen. Ende des 19. Jahrhunderts hat die Elektrifizierung den Bürgern quasi über Nacht Komfort, Wohlstand und Sicherheit gebracht. Höchste Zeit, mit der Verkehrs- und Energiewende diesen Faden wieder aufzunehmen!

 

Hinweis der Redaktion: Dieser Artikel ist erstmals in der ersten Ausgabe des Green City Life Magazins (Erstveröffentlichung in Ausgabe 1/2017) erschienen. Die besten Beiträge haben wir hier in unseren Stories nochmals Online gestellt.  

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