Ökostrom - Impfstoff gegen die Klimakrise

Die neueste Studie zur Kostenentwicklung von Strom aus Erneuerbaren Energien des renommierten Fraunhofer-Instituts für solare Energiesysteme belegt erneut die volkswirtschaftlichen Chancen einer konsequent umgesetzten Energiewende. Wind- und Solaranlagen haben bereits heute signifikant niedrigere Stromgestehungskosten als konventionelle Kraftwerke. Steigende CO2-Preise und fallende Technologiekosten auch für Stromspeicher lassen die Erneuerbaren endgültig zum spielentscheidenden Element im Kampf gegen die Klimakrise werden. Doch die deutsche Energiepolitik verhindert nach wie vor die notwendige Beschleunigung des Zubaus und verkennt die Tatsache, dass Ökostrom ein günstiger und in unbegrenzter Menge produzierbarer Impfstoff gegen die Klimakrise ist.

Mit CDU und CSU ist Klimaschutz nicht zu machen. Die selbsternannte Wirtschaftspartei verhindert nach wie vor einen der Situation angemessenen Ausbaupfad der Erneuerbaren Energien. Und das, obwohl die positiven volkswirtschaftlichen Effekte unbestritten sind, dies macht die am 22. Juni veröffentlichte Studie „Stromgestehungskosten Erneuerbarer Energien“ des Fraunhofer-Instituts abermals deutlich. Strom aus Photovoltaikanlagen kann in Deutschland bereits heute ab 3,12 Cent/kWh erzeugt werden. Armin Laschet würde uns an dieser Stelle erklären, dass nachts leider keine Sonne scheint und wir deshalb noch bis 2038 Kohlekraftwerke brauchen werden, die Strom zu Preisen von 10 – 15 Cent/kWh, Tendenz steigend, erzeugen. Die Tatsache, dass Hybridsysteme aus Stromspeichern und PV-Anlagen bereits heute konkurrenzfähig sind, wird ausgeblendet. Beim Blick in die Zukunft wird deutlich, wie krass sich der Wettbewerbsvorteil der Erneuerbaren vergrößert. Bereits 2030 wird Strom aus Braunkohlekraftwerken unwirtschaftlich sein, die Stromerzeugung aus einem PV-Batteriesystem bis dahin günstiger als aus einem Gas- und Dampfkraftwerk, prognostizieren die Forscher. Im Jahr 2040 können selbst kleine PV-Batteriesysteme Stromgestehungskosten zwischen 5 und 12 Cent/kWh erreichen, vorausgesetzt die Preise für Batteriespeicher sinken auf die angenommenen 200 bis 720 EUR/kWh. Die Stromgestehungskosten von Solarstrom werden bis dahin bis auf 1,92 Cent/kWh bei Freiflächenanlagen sinken, ein unvorstellbarer Wert.

Die Chance, die sich hinter diesen Zahlen verbirgt, mag sich nicht allen sofort erschließen. Wenn wir uns aber vor Augen führen, dass Ökostrom zur wichtigsten Energiequelle der Zukunft wird, wird die Dimension klar. Um unseren Wohlstand, wie wir ihn kennen, zu erhalten, braucht es einen Energieträger, der vier Kriterien erfüllt. Er muss bezahlbar sein. Er muss klimaneutral sein. Er muss in unendlicher Fülle vorhanden sein. Und er muss in allen Lebensbereichen einsetzbar sein. All diese Kriterien erfüllt Strom aus Erneuerbaren Energien-Anlagen. Mit Strom können wir heizen und kühlen, er liefert Elektrizität für alle elektrischen Anwendungen, er ist über ein bestehendes Versorgungsnetz problemlos verteilbar und die zukünftige Mobilität ist ebenfalls elektrisch. Ökostrom wird also zum universellen und unverzichtbaren Energieträger.

Das sind nur die wirtschaftliche Ebene und die technologische Realität, die Kosten für die Abmilderung der Folgen der eskalierenden Klimakrise sind da noch gar nicht betrachtet. Zugespitzt formuliert ist Ökostrom also ein günstiger, immer verfügbarer und grundsätzlich in beliebiger Menge herstellbarer Impfstoff gegen die Erderwärmung, die Analogie sei mir verziehen. Doch ist das Bild zu stark, um nicht gezeichnet zu werden. Wie die Pandemie ist die Klimakrise nur global zu lösen. Wir haben das Problem erkannt, die Technologien verfügbar, alles was fehlt, ist konsequentes Handeln.

Man würde meinen, dass etwas gesunder Menschenverstand ausreicht, den Ernst der Klimakrise zu erkennen und über die goldene Brücke der Erneuerbaren zu schreiten. Ökostrom für alle! Nicht mit Armin Laschet und der Union. Der wundert sich ernsthaft, dass „das Klimathema aus irgendeinem Grund plötzlich zu einem weltweiten Thema geworden sei.“ Die Energiewende wird aus einem vollkommenen Unverständnis von der Union gebremst und blockiert, wo es nur geht, darüber kann auch die vom Verfassungsgericht erzwungene Novelle des Klimaschutzgesetzes nicht hinwegtäuschen. Das muss man sich mal vorstellen – das höchste deutsche Gericht zwingt die Bundesregierung eine Politik zu machen, die zukünftigen Generationen das Leben auf deutschem Grund und Boden noch ermöglicht. Freilich teilen manche Industrieverbände eine fast aberwitzige Sichtweise auf den Klimaschutz mit dem Kanzlerkandidaten Laschet. „Weder bedroht uns das Klima so unmittelbar, noch bewirken die Maßnahmen des Gesetzes ad hoc Klimaänderungen in einer Weise, dass nicht noch etwas mehr Zeit für eine gründliche Prüfung und externen fachlichen Rat gegeben ist“ erklärt zum Beispiel Thomas Mock, Vorsitzender des Klima-Ausschusses des VIK, einem Zusammenschluss großer Energieverbraucher aus der Industrie. Puh, wer erklärt es ihm?

Was zu tun ist, um unsere Lebensgrundlagen zu erhalten, ist unter Expert*innen unumstritten. Klimaschutz entsteht unter anderem durch Investitionen in Erneuerbare Energien. Doch deren Ausbau stockt durch sich ewig ziehende Genehmigungsverfahren für Windkraftanlagen, mangelnde Flächen und ungenügende Ausschreibungsmengen und -konditionen im EEG. Die Politik muss einen Rahmen schaffen, die just angepassten Klimaschutzziele auch erreichen zu können. Wer bis 2045 klimaneutral sein will, braucht spätestens bis 2040 eine Energieversorgung aus Basis von 100% Erneuerbaren Energien. Was es dafür in Bezug auf die notwendigen Ökostromkapazitäten braucht, hat die brandaktuelle Studie „Klimaneutrales Deutschland 2045“ der Stiftung Klimaneutralität und von Agora Energiewende ermittelt: Pro Jahr müssen regenerative Kraftwerke mit einer Leistung von 30 Gigawatt errichtet werden. Der durchschnittliche Zubau seit 2005 liegt bei gerade mal 6,7 GW per annum. Anders gesagt: Wir müssen den Ausbau der Erneuerbaren um den Faktor 4,5 erhöhen. Es wird Zeit, endlich damit anzufangen.

Kolumne “So schaut’s aus!” Foto: Sina Scherer

Martin Betzold ist Brand Manager der Green City AG. Seine Kolumne „So schaut`s aus!“ befasst sich meinungsfreudig mit gesellschaftspolitischen Themen im Kontext der Energie- und Verkehrswende sowie den damit einhergehenden Veränderungen.

Ihnen brennt ein Thema oder eine Antwort unter den Nägeln? Schreiben Sie direkt an unseren Kolumnisten: soschautsaus@greencity.de

 

Quellen:
Fraunhofer-Institut für solare Energiesysteme ISE “Studie Stromgestehungskosten Erneuerbare Energien”

Agora-Energiewende “Klimaneutralität in Deutschland bereits 2045 möglich”

Umweltbundesamt “Erneuerbare Energien in Deutschland Daten zur Entwicklung im Jahr 2019”

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