Pfiat di Minga Superstar? Warum Städte überleben oder untergehen

In den letzten Jahrzehnten haben sich Städte, unter anderem bedingt durch die Globalisierung, die Verfügbarkeit von Arbeitskraft und durch politische Anreize, zu Zentren unterschiedlicher Industriezweige entwickelt. Nicht nur die weltweiten Ikonen wie die Metropolregion San Francisco für die Tech-Industrie oder Hong Kong als Mittelpunkt der asiatischen Finanzwirtschaft, müssen jedoch feststellen, dass der kometenhafte Aufstieg zur ‚Superstar City‘ ein jähes Ende finden kann. Der Digitalisierungsschub, massiv verstärkt und beschleunigt durch die Pandemie, lässt sicher geglaubte Standortvorteile dahinschmelzen. Erleben wir jetzt den Kollaps urbaner Schwergewichte und den Aufstieg neuer Zentren? Und wie ist die Prognose für München?

Auch wenn die Umstände in Hong Kong durch den Übergang an China außergewöhnlich waren, so ist die daraus resultierende Konsequenz, was die Bedeutung der Stadt als wichtigster Finanzstandort Asiens angeht, drastisch. Der Insel- und Stadtstaat Singapur hat Hong Kong den Rang abgelaufen. Auch für San Francisco oder Los Angeles stehen die Zeichen auf Wandel. Der lange Aufstieg zu den unangefochtenen Hotspots für die Tech-Industrie einerseits, die Musikindustrie andererseits, scheint am Limit angekommen. Exorbitante Mieten und Immobilienpreise, eine schwerfällige kalifornische Verwaltung mit einem zum Teil bizarren Steuersystem, massive Umweltprobleme durch klimabedingte Waldbrände und eine ausgeprägte Wasserknappheit sowie homogenisierte Stadtgesellschaften haben aus Sehnsuchtsorten abschreckende Beispiele überhitzter Metropolen gemacht. Die Karawane zieht, auf der Suche nach Lebensqualität, Platz, Sicherheit und wirtschaftlichem Entfaltungspotential weiter ins nächste Habitat. Von San Francisco nach Austin, von LA nach Nashville, von Hong Kong nach Singapur. Von München nach…

Steht ein Umbruch der Superstar Cities bevor?

Die Corona-Pandemie wirkt, in Verbindung mit der Digitalisierung von Arbeits- und Lebensmodellen, wie ein Teilchenbeschleuniger. Bislang haben urbane wirtschaftliche Zentren ihren Status Quo dadurch zementiert, dass Fachkräfte den Metropolen treu geblieben sind. Doch durch ‚New Work‘, also das ortsunabhängige Arbeiten fällt dieser Wettbewerbsvorteil schlagartig weg. Neue Orte werden die Vordenker anziehen und einen Trend setzen, der durch die Relokalisierung von prestigeträchtigen Unternehmenszentralen zukünftig noch verstärkt werden wird. Erleben wir den Anfang vom Ende der ‚Superstar Cities‘? So nennt das McKinsey Global Institute die 50 Städte, die in ihrer Wirtschaftsleistung führend sind. München ist, mia san mia, natürlich dabei.

Die Aufzählung der Vorboten des urbanen Abstiegs mag etwas weit hergeholt erscheinen, da hilft zur Einordnung ein Blick in die Literatur. In seinem Buch ‚Kollaps‘ führt uns Jared Diamond plastisch vor Augen, warum historische Gesellschaften während der letzten 13.000 Jahre so schnell aufgestiegen oder verschwunden sind. Die wesentlichen Gründe für den Zusammenbruch von Zivilisationen waren durch den Menschen verursachte Umweltschäden, Klimaschwankungen, Krieg, der Wegfall von Handelspartnern und eine falsche Reaktion der Gesellschaft auf Veränderung. Dabei zeigte sich, dass die Interaktion von Umwelt und menschlichem Handeln die entscheidende Rolle für den Zusammenbruch oder das Überleben spielt.

Der Blick nach München: War`s das mit der Zeit der Blüte?

Wenn wir diese Analyse auf urbane Zentren der heutigen Zeit übertragen, können wir erstaunliche Parallelen ziehen. Daraus könnte die Kommunalpolitik wichtige Erkenntnisse für eine zukunftsorientierte Stadtentwicklung ableiten. Beim Blick auf München wäre diese Achtsamkeit auch durchaus angeraten. Sachte, sachte mag man denken, ist doch alles in Butter auf der bayerischen Zentralscholle. Doch auch hier deuten wichtige Faktoren darauf hin, dass ein frühzeitiges und beherztes politisches Gegensteuern in der ganzen Metropolregion durchaus angebracht wäre.

So liegt München im „Global Real Estate Bubble Index 2020“, der das Risiko einer Immobilienblase einschätzt, neuerdings auf dem ersten Platz. Die extremen Preise auf dem Immobilienmarkt führen nicht alleine, aber maßgeblich und auf lange Sicht zu einer Zweiklassengesellschaft. Die einen können es sich leisten, die anderen nicht. Der Mittelbau der Gesellschaft wandert ab. Darunter auch die Kreativen, die Unangepassten, diejenigen die sich nicht stromlinienförmig der eigenen Wohlstandsvermehrung verschrieben haben. Das Ergebnis ist eine monotone Stadtgesellschaft von Besserverdienenden und ihrem Servicepool aus Putzhilfen, Paket- und Essensboten. Die Stadt wird zum antidiversen Ort und trocknet aus, sie verliert an Attraktivität, Lebensgefühl und letztendlich an Wert. Pfiat di Superstar.

Übertrieben? Nun ja, mit sechs DAX-Konzernen operieren in München und Umland bereits die meisten Blue Chip-Unternehmen in Deutschland. Hinzu kommt der Trend von US-Techgiganten, den Standort München massiv auszubauen. Google, Apple, Amazon und Microsoft schaffen tausende Arbeitsplätze. „Es ist eine Entwicklung, die in Teilen der Münchner Bevölkerung Unbehagen auslöst, weil sie bedeutet, dass Tausende weitere Gut- bis Topverdiener in die Stadt kommen und Wohnraum suchen werden“, schrieb die SZ Mitte September 2020. Und unser Oberbürgermeister? Der appelliert, durchaus zahnlos, an die Unternehmen zur Kompensation Werkswohnungen zu bauen.

Kolumne "So schaut's aus!" Foto: Sina Scherer
Kolumne “So schaut’s aus!” Foto: Sina Scherer

In was für einer Stadt wollen wir zukünftig leben?

Diese Verzagtheit an der Stadtspitze, die seit vielen Jahren mit wenig Mut und noch weniger Ideen die so wichtige urbane Transformation verschleppt, wird zum Zukunftskiller. Eine Vision, vielleicht sogar eine konkrete Vorstellung was für eine Stadt München zukünftig sein soll? Fehlanzeige. Da wird der PopUp-Radlweg zurückgebaut bevor ihn der Radverkehr gefunden hat, zaghaft Millimeter für Millimeter Fußgängerzone in der Altstadt erweitert. Und dann kommt der pandemiebedingte Boom des Online-Versandhandels und gibt der Münchner Konsummeile zwischen Tal und Stachus den Rest. Übrig bleiben werden, wenn überhaupt, die ganz großen Ketten, von Individualität bleibt keine Spur. Schlimmer noch, es fehlt seit Jahren an Konzepten, wie die Innenstadt ein (nachhaltiger) Ort mit Aufenthalts- und Erlebnisqualität sein kann, statt eine Kulisse mit Knödeln, Kruste und Konsum für die globale Tourismusindustrie.

Wenn man sich, der Theorie der langen Wellen folgend, verdeutlicht, wie groß die Zeitspannen für fundamentale Entwicklungsprozesse und sogenannte Basisinnovationen sind, dann wird deutlich wie elementar die Fähigkeit der Antizipation politischer Entscheidungsträger ist. Eine Eigenschaft, die die Münchner Stadtpolitik seit Jahrzehnten gänzlich vermissen lässt. Nur wer vorausschauend Zyklen erkennt und in der Lage ist, deren Dynamik für eine progressive Stadtentwicklung zu nutzen, wird auch die nächste Welle reiten. In München hat man den Eindruck, das politische Establishment surfe zufrieden auf der Eisbachwelle, die sich ja nie totzulaufen scheint.

Statt die ganze Stadt zum Reallabor zu machen, Neues auszuprobieren, Antworten auf die Frage zu finden, was München in 20 Jahren für ein Ort sein soll, sonnen wir uns lieber im Glanz der alten Tage. Doch die Errungenschaften liegen weit zurück, das zeigt der beispielhafte Blick auf das Verkehrssystem. Olympia 1972 war die Initialzündung für ein ÖPNV-Streckennetz, das damals beachtlich war und heute zu klein geraten ist. Mit dem Bevölkerungswachstum der Metropolregion kann der Ausbau öffentlicher Verkehrsmittel seit Jahrzehnten nicht mithalten. Doch preist man lieber den florierenden Flughafen mit Bimmelbahnanbindung, baut Parkhäuser und Ringtunnels und vergisst, dass die Exzesse ungezügelter Individualmobilität dazu führen, dass die verbliebenen bayerischen Gletscher schon bald nicht mehr die Fläche von 50 Hektar, und damit die des Münchner Oktoberfestes haben werden. Klimawandel, war da was? Gerade in der Entwicklung einer zeitgemäßen Mobilitätsstrategie spiegelt sich das ganze Versagen vorausschauender Lokalpolitik wider. Zu zaghaft, zu wenig ambitioniert. Ein ÖPNV an seinen Grenzen, jeder Kilometer Trambahnnetz eine ewige Debatte. Im Ergebnis sind auch die dreieinhalb Tage die man in München im Stau steht, Teil des Problems.

Denn wer will schon in einer Stadt leben, in der man nicht vom Fleck kommt, die nur noch eine Hülle ohne kulturellen Tiefgang ist, in einer Stadt, der Zaghaftigkeit und Uniformität aus jeder Pore trieft? Niemand. Machen wir uns also nichts vor, die jüngste Blütezeit Münchens ist nicht verbrieft, sondern muss durch unser aller Zutun jeden Tag auf‘s Neue erhalten werden. Wir stehen an der Weggabelung eines bedeutsamen Umbruchs in dessen Veränderungsprozess aus zahlreichen San Franciscos zukünftige Austins werden. München, was darf`s denn sein?

 

Quellen: Kollaps, Jared Diamond;  McKinsey Global Institute, www.yared.com, Süddeutsche Zeitung, Impulse von Rauno Andreas Fuchs

Martin Betzold ist Brand Manager der Green City AG. Seine Kolumne „So schaut`s aus!“ befasst sich meinungsfreudig mit gesellschaftspolitischen Themen im Kontext der Energie- und Verkehrswende sowie den damit einhergehenden Veränderungen.

Ihnen brennt ein Thema oder eine Antwort unter den Nägeln? Schreiben Sie direkt an unseren Kolumnisten: soschautsaus@greencity.de

 

 

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