Phönix aus der Asche

Ob Brachland zwischen den Gleisen oder Dächer von Flaktürmen: Durch ein wenig Engagement entstehen in Städten selbst an den unwirtlichsten Orten beliebte Parks und Gärten. Oft sind es die Bürger selbst, die einen Unort zum Ort machen.

von André Boße | Lesezeit 4 Minuten

Es ist nur ein kleines Fleckchen Erde an der Kölner Wahlenstraße. Bis vor einem Jahr war das Grasstück die beliebteste Hundetoilette des Straßenzugs. Ein Ort, den Eltern hassten: „Nicht dahin, da ist Hunde-Aa!“ Ein Unort, so unbeliebt wie viele andere Wörter, die mit der Silbe „Un“ beginnen: Unwetter, Ungeziefer, Unfall. Dann hatte eine Anwohnerin genug vom Hundeklo und nahm die Sache in die Hand. Sie grub die Erde um, pflanzte Blumen und gestaltete ein Schild: „Dies ist nun ein Blumenbeet. Bitte schützt es.“ Und das tun die Leute. Auch die Eltern, die sich heute gerne an dem kleinen Beet treffen, statt ihre Kinder davon fernzuhalten.

Aus dem Unort wird ein Ort

Orte sind öffentliche Räume, die von Menschen belebt werden. Wo sie sich begegnen, essen, trinken oder quatschen. Sie sind Ausdruck und Elixier des urbanen Lebens. Das Gegenteil des Ortes ist der Unort. Dort finden keine Begegnungen statt, oft sind sie gar nicht zu betreten. Einige sind nötig, doch es gibt viele sinnlose Unorte. Eine stillgelegte Fabrik hinterlässt eine Ruine, es gibt Grundstücke, die seit Generationen brachliegen, und verrostete Spielplätze, auf denen längst kein Kind mehr spielt. Oder Plätze, die ein Ort der Begegnung sein sollen, aber so fehlgeplant sind, dass sich niemand dort aufhalten will.

Doch der urbane Raum ist knapp. Werden auf Unorten Wohnanlagen oder Gewerbegebiete errichtet, bringt das Geld. Aber je voller die Stadt und je knapper der Raum, desto größer die Sehnsucht der Menschen nach Parks. Und immer mehr Bürger setzen sich aktiv für die Schaffung solcher grünen Oasen ein. Damit wird die Wiederbelebung eines Unortes auch zu einer politischen Frage: Wem gehört die Stadt?

Berlin, Gleisdreieck

Eine 26 Hektar große Fläche zwischen Kreuzberg, Schöneberg und Mitte, durch die ICE-Trasse aufgeteilt in einen Ost- und einen Westpark. Mehr als 30.000 Menschen sind Anwohner des Parks.

Mitte der 90er-Jahre kam die Politik noch auf die Idee, eine Stadtautobahn hierhin zu führen – die Anwohner der Brache taten sich zu einer Bürger- initiative zusammen und schmetterten das ab. Der Park sollte ein „Volkspark von und für alle“ werden, was auch zu Konflikten führte:

Wie lassen sich die Wünsche von Skatern, Picknickfans und Hundebesitzern zusammenbringen? Einen urbanen Ort gestalten, der es allen recht macht, ist eine Herausforderung. Entsprechend intensiv war der Austausch zwischen Bürgern und Planern. Bernd Joosten vom für die Parkgestaltung verantwortlichen Atelier Loidl zeigt sich mit dem Resultat zufrieden: „Die Besucherzahlen, gerade im Sommer, sprechen für das Gestaltungskonzept.“

Hamburg, St. Pauli

An der Feldstraße, in Nachbarschaft zum Stadion des FC St. Pauli, steht ein grauer Koloss. 1942 ließ das NS-Regime den Flakturm IV von Zwangsarbeitern errichten. In Bombennächten fanden 25.000 Hamburger Schutz hinter den dreieinhalb Meter dicken Mauern. Auch heute lassen die Hamburger den Bunker nicht ungenutzt, Medien- und Musikszene eröffneten darin ihr Kreativzentrum. Von außen sieht der Klotz weiterhin bedrohlich aus. Stellt sich die Frage: Soll sich das ändern? 2014 entwickelte ein Projektbüro den Plan, das Dach des Bunkers aufzustocken und zu begrünen, sodass in 40 Meter Höhe ein Stadtgarten mit 8.000 Quadratmeter Fläche entsteht.

„Endlich einmal etwas, dem wir St. Paulianer zustimmen können“, schrieb ein Anwohner in einem Blog. Aber dass der Bunker dazu deutlich erhöht werden sollte, sorgte für Diskussionen. Viele Anwohner erfuhren davon erst, als Mieter und Stadt längst im Boot waren. Auf einer Bürgerversammlung reagierte ein Bewohner genervt auf die Vielfalt der Einwände: „Darf man auf St. Pauli keine Ideen mehr haben?“ Doch, man darf. Aber man muss die Bürger in den Prozess einbeziehen. So wie es nun passiert. Denn im Austausch entstehen sinnvolle Kompromisse: Im Juli haben die Bezirksabgeordneten die Dachterrasse genehmigt, allerdings wird der Aufbau zwei Stockwerke niedriger ausfallen als zunächst geplant.

Melbourne, City Laneways

Ein Stadtzentrum, das alle nur Donut nennen steht nicht gerade für Lebensqualität. Außen lecker, innen nichts. So war das auch in Melbourne. Der Speckgürtel vital, die City tot. Zumindest wenn abends die Pendler das Zentrum verließen. Die australische Metropole wollte das ändern – doch wie bringt man Leben nach Downtown? Der dänische Stadtplaner und Architekt Jan Gehl ist ein Experte für Vitalisierungsprozesse: „Ich bin kein großer Theoretiker“, sagt er. Was er stattdessen macht: Menschen beobachten und in seine Planungen einbeziehen.

Mitte der 90er-Jahre war Gehl zum ersten Mal in Melbourne, um zu schauen, wohin die Menschen wann gehen und welche Orte sie meiden. Es entstand ein riesiger Datensatz, den Gehl im Sinne der Bürger auswertete. Dabei widmete er sich seiner Aufgabe wie ein Arzt: Er fühlte den Puls der Stadt, stellte eine Diagnose auf und leitete Maßnahmen ein. Mit der Art, wie die Melbourner die neuen Plätze oder Parks nutzten, zeigten sie ihre Zufriedenheit damit.

Eine Abstimmung per pedes – und die Stadtverantwortlichen hörten auf ihre Bewohner. Wenn der Wunsch ersichtlich wurde, aus einer dunklen Gasse für Müllcontainer ein Sträßchen für Galerien und Cafés werden zu lassen, dann wurde das so gemacht. 1983 hatte Downtown Melbourne zwei Straßencafés, mittlerweile sind es mehr als 600, und abends sind doppelt so viele Fußgänger im Stadtzentrum unterwegs wie früher. „Eine gute Stadt ist wie eine gute Party“, sagt Jan Gehl. „Man weiß, dass sie funktioniert, wenn die Leute länger bleiben, als sie eigentlich müssten.“

New York, Lower Manhattan

Durch Stürme, Hochwasser und extreme Wetterbedingungen kann der Klimawandel auch Großstädten gefährlich werden. Der Hurrikan Sandy zeigte 2012, wie verwundbar New York City ist. Der dänische Architekt Bjarke Ingels entwickelte deshalb die Idee des „Big U“, das zugleich Hochwasserschutz und Park sein soll, eine Art Arche Noah für das Festland. Einfach nur eine Schutzwand zwischen Wasser und Stadt zu errichten, würde einen neuen Unort schaffen. Es ist auch kaum vorstellbar, dass sich die Bewohner Manhattans den Blick auf Hudson und Atlantik von einer Mauer versperren lassen.

Durch Stürme, Hochwasser und extreme Wetterbedingungen kann der Klimawandel auch Großstädten gefährlich werden.

Stattdessen schwebt dem Architekten eine Aneinanderreihung von kleinen Parks vor, die beides leisten: die Nachbarschaften aufwerten und Schutz vor Hochwasser bieten. 335 Millionen Dollar würde das Projekt kosten. Leider mehren sich die Befürchtungen, dass die Stadtoberen sparen wollen und doch auf einen billigen Schutzwall setzen. Dabei wäre das Geld angesichts der massiven Sturmschäden in Höhe von mindestens 18 Milliarden Dollar eine gute Investition. Und New York könnte ein Zeichen setzen, was Städte für ihre Bewohner tun können. Mit dem „Big U“ wäre Manhattan um eine Attraktion reicher: Eine verwinkelte Parkanlage, die nicht nur die gestresste Städterseele schützt, sondern auch die City.

Detroit, Downtown

Zyniker sagen, so, wie es in New York City nach dem Hurrikan aussah, sieht es in Detroit immer aus. Die ehemalige Motor City wirkt seit vielen Jahren wie von allen guten Geistern verlassen. Zehntausende Häuser sind verlassen, die City verlor innerhalb von 60 Jahren 1,3 Millionen Einwohner, 40 Prozent der Straßenlaternen leuchten nicht mehr. Natur findet man kaum, weil in der Boomzeit zwischen 1950 und 1970 eine halbe Million Bäume gefällt wurden, um immer neue Straßen zu bauen. 2013 war Detroit bankrott. Eine ganze Stadt als Unort. Das Ende?

Eher ein neuer Anfang. Im Rahmen des Projekts „The Greening Of Detroit“ pflanzen und pflegen viele der 700.000 treuen Bewohner von Detroit Bäume und Beete. Lokale urbane Landwirtschaft versorgt die Viertel, Menschen ohne Arbeit finden neue Jobs – keine hochbezahlten, aber sinnvolle. So kann selbst Detroit, die ehemalige Hauptstadt des Autos, Schritt für Schritt immer grüner werden. Und die Menschen erobern sich ihre Stadt zurück.

Hinweis der Redaktion: Dieser Artikel ist erstmals in der zweiten Ausgabe des Green City Life Magazins (Erstveröffentlichung in Ausgabe 2/2016) erschienen. Die besten Beiträge haben wir hier in unseren Stories nochmals Online gestellt.

Photocredit Pixabay, Unsplash