Platz da! Kulturlandschaft vs. Ökostrom?

Ganz schön eng hier. Man würde meinen, wir Menschen hätten auf den 13,4 Milliarden Hektar Landfläche auf diesem Planeten genug Platz zum Leben, doch so einfach ist es nicht. Eine der großen Fragen unserer Zeit wird sein, wie wir mit immer weniger nutzbarer Fläche eine exponentiell wachsende Erdbevölkerung ernähren, sowie mit Energie und Wohnraum versorgen wollen. Von dem immer noch wachsenden Platzbedarf für Straßen, Parkplätze und Autobahnen ganz zu schweigen. Konflikte in der Flächennutzung sind höchst emotional, doch eine ehrliche Debatte darüber ist unausweichlich. Wir brauchen den konstruktiven Dialog, um eine gemeinschaftliche Vorstellung zu entwickeln, wie unsere Kulturlandschaft aussehen, wie der öffentliche Raum unserer Städte zukünftig strukturiert sein soll. Denn so wie es ist, kann es nicht bleiben. Und das ist gut so.

von Martin Betzold | Lesezeit 2 Minuten

Wir haben Platzproblem. Die Knappheit an Flächen auf diesem Planeten wird durch zwei wesentliche Treiber forciert: Durch den fortschreitenden Klimawandel und eine exponentiell wachsende Weltbevölkerung. Die Weltbevölkerung hat sich in den letzten 50 Jahren verdoppelt. Acht Milliarden Menschen haben Hunger und brauchen zunehmend mehr Energie. Allein der Stromverbrauch wird sich bis 2050 verdoppeln, klimaneutraler und kostengünstiger Ökostrom wird zum Schlüsselprodukt der globalen Überlebensfrage.

Wir versiegeln also pro Tag eine halbe Million Quadratmeter, eine kaum vorstellbare Zahl. Zwischen 1992 und 2018 ist in Deutschland eine Fläche versiegelt worden, die fast zweimal so groß wie das Saarland ist.

Denn der von unserem fossilen Energiesystem getriebene Klimawandel raubt uns durch Bodenerosion, Wüstenbildung und steigende Meeresspiegel immer mehr urbare Flächen. Wir müssen begreifen, dass nutzbarer Platz eine Ressource ist, die nicht vermehrbar ist. Mit unserem wachsenden Flächenbedarf setzen wir eine Spirale in Gang, deren Dynamik selbstverstärkend ist. Mehr Menschen brauchen mehr Ackerfläche, um mit Nahrung versorgt zu werden, gerade weil flächenintensive Nahrungsmittel wie Fleisch, Sojabohnen (als Futtermittel) und Palmöl auf dem Speiseplan der Weltbevölkerung stehen. Diese zusätzliche Fläche wird maßgeblich durch die Abholzung von Wäldern gewonnen, was den Klimawandel weiter beschleunigt. Der Flächenbedarf für Siedlungen und zur regenerativen Energieproduktion kommt obendrauf. Ein Teufelskreis dessen Momentum es zu brechen gilt.

Soweit die globale Perspektive. Beim Blick nach Deutschland ist festzustellen, dass sich in den letzten 10 Jahren weder landwirtschaftliche Nutzflächen noch der Waldbestand signifikant geändert haben. Doch das ist kein Grund zur Freude, denn die Siedlungs- und Verkehrsfläche wächst trotzdem jeden Tag um 52 Hektar.
Wir versiegeln also pro Tag eine halbe Million Quadratmeter, eine kaum vorstellbare Zahl. Zwischen 1992 und 2018 ist in Deutschland eine Fläche versiegelt worden, die fast zweimal so groß wie das Saarland ist.

Die Folgen sind dramatisch. In urbanen Räumen werden aus kühlenden Frischluftschneisen gesichtslose Neubauviertel, im Umland aus Freiland Gewerbegebiete und Parkplätze von Discountern. Neue Umgehungsstraßen mit ausschweifenden Zu- und -abfahrten komplettieren den Irrsinn einer Fehlplanung, die nach wie vor das Auto in den Mittelpunkt unserer freiheitsliebenden Lebensphilosophie stellt.  

Was fehlt ist eine Vision, ein Ziel, das für uns alle erstrebenswert ist

Der Verteilungskampf um Flächen ist überall bereits in vollem Gange, das Lagerdenken bestimmt den dazugehörigen Diskurs. Die Unversöhnlichkeit in der Auseinandersetzung über die Frage, wie unsere Städte und unser Land zukünftig aussehen sollen, ist verstörend. Die Besitzstandwahrenden klammern sich an den Status Quo, so viele können sich nicht vorstellen, warum ein Update unserer Kulturlandschaft ein Gewinn sein könnte. Die anstehenden Umbrüche mit dem Verschwinden kleiner Landwirtschaften und der dezentralen Energieerzeugung sind gewaltig, das macht Vielen Angst. Doch statt diese Menschen mit einer großen, erstrebenswerten Vision für sich zu gewinnen, bekrittelt das progressive Spektrum die Kleingeistigkeit und Gewohnheitsmentalität derjenigen, die es mitzunehmen und zu überzeugen gilt.

Dabei ist eine auf Wind- und Solarenergie basierende Energieversorgung nicht verhandelbar. Das sei gerade denjenigen zugerufen, sie sonst gerne die Bewahrung der Schöpfung bemühen, sofern diesem frommen Wunsch kein Windrad zu nahekommt.

Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Gerade beim Blick auf die Transformation im Energiesektor wird deutlich, wie vehement sich die Traditionsbehafteten gegen das Unabdingbare wehren. Die Klimakrise ist evident, das wichtigste Instrument zu deren Lösung bekannt. Der Ausbau von Ökostrom-Anlagen, die schlichtweg unsere letzte Chance beim Kampf um den Erhalt unserer Lebensgrundlagen sind, wird massiv behindert. Dabei ist eine auf Wind- und Solarenergie basierende Energieversorgung nicht verhandelbar. Das sei gerade denjenigen zugerufen, sie sonst gerne die Bewahrung der Schöpfung bemühen, sofern diesem frommen Wunsch kein Windrad zu nahekommt. Unstrittig ist natürlich, dass Erneuerbare Energien einen erheblichen Flächenbedarf haben und unsere Kulturlandschaft zunehmend prägen.

So haben sich für einen von Green City geplanten Windpark im Ebersberger Forst zwar knapp 53% der Bürger:innen ausgesprochen, doch scheinbar hofft die andere Hälfte darauf, dass die Klimakrise den Wirtschaftswald von Sturmschäden und Schädlingsbefall irgendwie verschonen würde. Was für ein Irrtum! Noch frappierender ist die Geisteshaltung so mancher Ortsvorsteher, die selbst die Solarenergie als Teufelszeug der Moderne betrachten. Anfragen von Projektierern für die Nutzung von Flächen entlang von Bahnstrecken werden mitunter mit interessanter Begründung abgelehnt. Ein Bürgermeister aus dem Freistaat hat sich in der Süddeutschen Zeitung mit der Aussage verewigt, „Solarparks sind Fremdkörper, die Module spiegeln in der Sonne, das passt nicht in unsere Landschaft“. Doch, möchte man rufen, das passt sehr gut! Gerade Brachflächen müssen konsequent für die Solarstromerzeugung genutzt werden. Auch die duale Nutzung von Ackerflächen zur Stromerzeugung und gleichzeitiger landwirtschaftlicher Nutzung wird zunehmend Befürworter finden.

Es ist jedoch die Aufgabe der Erneuerbaren-Energien-Branche, ihren Teil zur Akzeptanz beizutragen. Die rücksichtsvolle Planung und die Anpassung der Anlagen an gewachsene Strukturen ist für die Zustimmung der Menschen vor Ort entscheidend. Einfach nur Megawatt-Solarparks als Objekte in die Landschaft zu knallen, wird nicht reichen, wenn man diejenigen überzeugen will, die sich mit dem Wandel unserer Kulturlandschaft am schwersten tun.

 

 

Photocredit Unsplash

Quellen

Destatis https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2021/04/PD21_209_412.html;jsessionid=95BFC598C32E0CE6E9F25000ED4696BB.live742
Statista: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/183734/umfrage/landwirtschaftliche-nutzflaeche-in-deutschland-2010/
McKinsey, Global Energy Perspective 2021