Sind "Schwimmende Städte" das neue Ding?

In der von Gier geprägten Immobilienbranche ist in der kommenden Dekade weltweit Kreativität gefragt. Irgendwie muss es doch möglich sein, zwei scheinbar unaufhaltsame Entwicklungen zu Geld zu machen. Die Menschen zieht es, die Lebensqualität im Sinn, in Küstenstädte. Der Klimawandel, physikalisch konsequent, lässt den Meeresspiegel hingegen kräftig steigen. Der Verlust wertvoller Küstengrundstücke ist die logische Konsequenz. Daraus lässt sich, volkswirtschaftlichen Prinzipien folgend, ein schier unermessliches ökonomisches Potential vorhersagen. Die Nachfrage steigt, das Angebot (ver)sinkt. Wer in der Immobilienwirtschaft trotz Klimawandel sichere Bestlage bieten kann, hat ausgesorgt, so einfach ist das. Die Idee “Schwimmender Städte” bietet eine Lösung und versetzt Immobilienentwickler bereits in Ekstase. Zurecht?

Der urbane Megatrend zum Leben am Wasser ist ungebrochen. Bis 2035 werden laut dem Zentrum der Vereinten Nationen für menschliche Siedlungen (UN-HABITAT) über 90% aller Megastädte mit mehr als 10 Mio. Einwohnern an Küsten liegen. Als Beobachter fragt man sich, wie diese Entwicklung mit sich radikal verschiebenden Küstenlinien aufgrund steigender Meeresspiegel denn überhaupt zusammen passen kann. Kann sie nicht. Doch wenn man sich von der Schicksalsfrage, die für Millionen von Menschen damit verbunden ist, nicht den Blick auf die vermeintlichen wirtschaftlichen Chancen vernebeln lässt, dann stellt man sich eigentlich nur eine Frage: Wenn man nur vorhersehen könnte, wo die zukünftige Uferzeile verlaufen würde! Der Run auf die zukünftigen Grundstücke am Wasser wäre eröffnet.

Waterworld? Warum die Idee von „Floating Cities“ Science Fiction bleibt

Doch so einfach wird es aufgrund der Wankelmütigkeit des Klimas mit dieser Grund-und-Boden-Bonanza nicht, ein Plan B muss also her. Die Immobilienbranche, gewieft wie sie ist, strebt nach planbaren Profiten. Darum sorgt die neu aufkommende Idee von „Floating Cities“ in der Branche für leuchtende Augen. Es gibt Unternehmen wie Oceanix, die Städte für bis zu 10.000 Menschen auf schwimmenden Plattformen mit einer Gesamtfläche von 75 Hektar planen. Natürlich energieautark, auf Müllvermeidung optimiert und mit pflanzenbasierter Ernährung aus vertikalen Farmen und Aquakulturen. Schöner wird es nur auf dem Mars!

Das Konzept “Schwimmender Städte” ist eine scheinbar logische Schlussfolgerung. Würde man Städte auf flexibel im Meeresgrund verankerten Plattformen errichten können, hätte man im Handumdrehen, Klimawandel hin oder her, wertvollste Grundstücke in Küstenlage im Angebot. Doch die Sache hat einen Haken. Weltweit ziehen pro Woche laut dem IOM World Migration Report rund 3 Millionen Menschen vom Land in Städte, ein Großteil davon am Wasser gelegen. Eine unfassbare Zahl. Wenn man all jene Küstenbewohner*innen die im Zuge des Meeresspiegelanstiegs ihr Habitat verlieren hinzunimmt wird deutlich, die Idee schwimmender Städte ist eine sehr privilegierte. Wer kann, fliegt mit Elon Musk zum Mars oder zieht nach Oceanix City. Der Rest sucht sich dort wo die Erde noch kein Backofen ist, ein schattiges Plätzchen.

So schaut's aus - Floating Cities
Kolumne „So schaut’s aus!“ Foto: Sina Scherer

Das Ringen um Nachhaltigkeit wird in Städten entschieden

Wir Menschen streben so häufig nach technologischen Lösungen um unsere Probleme in Griff zu bekommen. Dabei verstellt diese Hybris den Blick auf das, was wirklich wichtig ist. Die Lebensgrundlagen auf diesem Planeten durch radikale Klimaschutzmaßnahmen für alle Menschen zu erhalten. Unser Ringen um globale Nachhaltigkeit wird dabei maßgeblich in Städten entschieden. Sie verbrauchen nur 3% der Erdoberfläche aber drei Viertel klimarelevanter Emissionen entstehen hier. Wir Städter können unser Schicksal also durch unser Handeln zu einem guten Teil selbst in die Hand nehmen, statt darauf zu warten, auf eine schwimmende Scholle mit Meeresblick gehoben zu werden. Allen die mir jetzt mit dem Argument kommen, eigene Kauf- und Verhaltensentscheidungen machen doch keinen Unterschied, fangen am besten schon mal das Sparen für die Kinder an. Denn gegen einen Platz in der “Schwimmenden Stadt” sind die Preise in München und anderen Metropolen ein echtes Schnäppchen.