Solarparks auf Ackerflächen: Booster für die Artenvielfalt?

Mais, Getreide, Raps. Mais, Getreide, Raps. Monokulturen, soweit das Auge reicht. Wenn wir in Deutschland von Kulturlandschaften sprechen, die zu erhalten sind, dann meinen wir leider oft auch gewaltige, landwirtschaftlich intensiv genutzte Anbauflächen. Wie sehr diese mit Herbiziden und Pestiziden künstlich geschaffene industrielle Ackerwelt jedoch eine Belastung für unser Ökosystem und die Biodiversität darstellt, darüber machen wir uns oft zu wenig Gedanken. Ändern wir die Form der industriellen Landwirtschaft und die der konventionellen Energieerzeugung nicht, droht uns ein vom Klimawandel befeuerter Kollaps der Biodiversität. Der Zusammenbruch von Nahrungsketten in einem fein austarierten Ökosystem ist abstrakt, die Folgen, wie die ausbleibende Bestäubung durch Insekten, sind sehr real. Dies wäre für unsere Versorgungsicherheit mit Nahrungsmitteln aus heimischen Anbau verheerend. Darum gilt es im Hinblick auf den Erhalt der Artenvielfalt neue Wege zu gehen. Wie die Energiewende Hand in Hand mit der dringend nötigen Agrarwende funktioniert, zeigt unser Pilotprojekt mit Mahdgutübertragung auf Flächen des Solarparks in Reuth in der Oberpfalz. So wird die Energiewende zum Booster für die Artenvielfalt.

von Julie Bouchain & Martin Betzold | Lesezeit 6 Minuten

Die Transformation unseres Energiesystems ist für viele von uns ein nicht zu greifendes, industrielles Mammutprojekt. Irgendwie abstrakt. Stromtrassen, Offshore-Windparks, globale Lieferketten. Steigt man aber hinab in den Maschinenraum der hiesigen Energiewende, dann offenbart sich ein viel kleinteiligeres Spielfeld mit ganz anderen Begriffen. Bauleitverfahren, Flächenpacht, Artenschutz. Solche Dinge. Auf kommunaler Ebene, dem Kapillarsystem unserer politischen Architektur, wird ausgefochten, wie die Energiewende auf Projektebene funktionieren soll. Das Rückgrat unserer zukünftigen Energieversorgung werden Wind- und Solarparks im Midsize-Segment sein, wie es im Branchenjargon heißt. Das sind Anlagen in der Leistungsklasse zwischen 1-50 MW. Jeder dieser tausenden Wind- und Solarparks steht in einer Gemeinde und muss vor Ort nicht nur an das überregionale Stromnetz angebunden, sondern im Hinblick auf die Akzeptanz auch in die kommunalen Strukturen eingebunden werden.

Aus Sicht eines Projektentwicklers ist man versucht zu argumentieren, dass ohne den Ausstieg aus der konventionellen Energieversorgung ein Kollaps der Ökosysteme sowieso kommen wird. Daraus abzuleiten, bei der Entwicklung von Wind- und Solarkraftwerken den kleinräumigen Artenschutz zu vernachlässigen, wäre jedoch falsch.

Sobald geeignete Flächen pro-aktiv ausgewiesen oder von unseren Mitarbeiter:innen in der Projektakquise „entdeckt“ und durch entsprechende Gemeinderatsbeschlüsse für die Errichtung von Wind- und Solarparks nutzbar gemacht wurden, beginnt die eigentliche Projektentwicklung. In diesem oft jahrelangen Prozess muss auch geklärt werden, welche Auswirkungen die Errichtung von Ökostromanlagen auf die Umwelt, insbesondere den Artenschutz hat. Es ist nicht selten, dass Wildkatzen, Feuersalamander oder Wespenbussarde ein Vorhaben durchkreuzen. Aus Sicht eines Projektentwicklers ist man versucht zu argumentieren, dass ohne den Ausstieg aus der konventionellen Energieversorgung ein Kollaps der Ökosysteme sowieso kommen wird. Daraus abzuleiten, bei der Entwicklung von Wind- und Solarkraftwerken den kleinräumigen Artenschutz zu vernachlässigen wäre jedoch falsch. Dazu gehört auch die Integration von Erneuerbaren-Energien-Anlagen in das Ökosystem vor Ort.

Energiewende und Artenschutz nicht gegeneinander ausspielen

Ziel muss eine Verschränkung sein. Warum soll es nicht gehen, in der Projektentwicklung die vielen kleinen Stellschrauben zu nutzen, die es ohne Frage gibt? So haben wir für den Solarpark Reuth, ein 10 MWp Solarkraftwerk auf einer Freifläche in der Oberpfalz, das Konzept der Mahdgutübertragung gewählt, um heimische Wildgräser und Kräuter im Solarpark anzusiedeln. Die damit entstehende Blühwiese unter und neben den Solarmodulen bietet zahlreichen Insekten einen attraktiven Lebensraum. Dadurch wird die Fläche doppelt genutzt. Die Solarmodule werden mit minimaler Bodenversiegelung aufgeständert, lassen aber ausreichend Licht durch, um auf den zuvor intensiv gedüngten, monokulturell bewirtschafteten Flächen regionales Saatgut gedeihen zu lassen. Oben wird Ökostrom produziert, unten summen die Bienen.

Oben wird Ökostrom produziert, unten summen die Bienen.

Konkret wurde bei der Errichtung des Solarparks Reuth auf der ehemaligen 10,4 Hektar großen Ackerfläche der Grund und Boden aus der landwirtschaftlichen Intensivnutzung genommen und wird derzeit zu einem extensiven, artenreichen Grünland umgebaut. Aus naturschutzfachlicher Sicht bedeutet das eine massive Aufwertung einer zuvor durch Monokultur degradierten Fläche.

Oder anders ausgedrückt: Statt einer Art gibt es 20 Jahre lang Blumen, Gräser, Schmetterlinge, Bienen, Frösche, Eidechsen und Vögel – und keine Pestizide und Herbizide. Bis ein solches Vorhaben jedoch tatsächlich umgesetzt ist, ist es ein langer Weg.

Eigentlich sah in Reuth alles ganz einfach aus: In den behördlichen Auflagen der Baugenehmigung findet sich eine Liste mit 35 Arten von Gräsern und Blumen, die angesät werden müssen.

Darunter klingende Blumen- und Gräsernamen wie Kuckucks-Lichtnelke, Ackerwitwe, Rotschwingel und Wiesenfuchsschwanz. Allerdings stellt die Vorgabe, dass nur regionales Saatgut verwendet werden darf – in diesem Fall aus dem Produktionsraum 5, dem Südost- und Ostdeutschem Bergland – eine Herausforderung dar. Deutschland ist in acht Produktionsräume und 22 Ursprungsgebiete aufgeteilt. Dadurch wird sichergestellt, dass nur regionale Arten, die zur örtlichen Fauna passen, angesiedelt werden. Allerdings ist am Standort in Reuth von den geforderten 35 Arten nur ein Teil aus dem geforderten Ursprungsgebiet als Saatgutmischung tatsächlich käuflich erhältlich. Bis alle Arten nachgezüchtet und vermehrt sind, wird es noch Jahre dauern. Ein Ausweichen auf Samen aus benachbarten Gebieten, wie bis vor kurzem gängige Praxis, ist aufgrund strengerer Naturschutzauflagen nicht mehr erlaubt.

Konzept der Mahdgutübertragung: So funktioniert regionaler Artenschutz

Für die Renaturierung der Flächen in Reuth haben wir nach Erhalt der Baugenehmigung in monatelangen Verhandlungen versucht eine Saatgutmischung zu finden, die auch die Zustimmung der Unteren Naturschutzbehörde erhalten würde. Diese hat jedoch neben den hohen Kosten von rund 6.000 Euro den Nachteil, dass geforderte Arten oftmals im Ausland vermehrt werden und das Saatgut zwar formal den Anforderungen entspricht, jedoch aufgrund der anderen Zuchtbedingungen oft nicht wie gewünscht austreibt. Das karikiert zudem die Idee des regionalen Saatguts, das optimal an die klimatischen Bedingungen des Standorts angepasst ist.

Die Lösung in Reuth besteht darin, auf den Ausgleichsflächen außerhalb Solaranlage die recht neue Technik der Mahdgutübertragung anzuwenden. Bei der Mahdgutübertragung wird zur Reifezeit im Juli eine in der Nähe gelegene, artenreiche Wiese gemäht. Nach einem Tag des leichten Antrocknens wird das Mahdgut mit einem Ladewagen schonend aufgenommen und sofort von der Spender- zur Empfängerfläche gebracht, damit die Samen im Trocknungsprozess nicht ausfallen.

In Zusammenarbeit mit der Naturschutzbehörde in Tirschenreuth wurden für Reuth im nahegelegenen Naturpark Steinwald geeignete, geschützte Wiesen mit hoher Biodiversität als Spenderflächen identifiziert. Bevor die im Mahdgut enthaltenen Saaten ausgebracht werden können, muss die Fläche durch Eggen oder Fräsen vorbereitet werden, damit die Samen gut keimen können. Im Anschluss wird das Mahdgut mit einem Heuwender auf der Fläche verteilt. Im Schutz des aufliegenden Heus können die Gräser- und Wildblumensamen auskeimen, die neue Wiese wächst heran. Artenreiche Wiesen brauchen zudem karge Böden, deshalb muss im folgenden Frühjahr das alte Heu sorgfältig von der Fläche entfernt werden, damit sich keine Nährstoffe im Boden anreichern. Da in Reuth die Flächen entlang des Rödelbachs sehr fruchtbar sind, muss der Boden durch zwei düngerfreie Getreideansaaten zuvor zusätzlich abgemagert werden.

Konzeptionell gut umgesetzte Solarparks sind Vitamin C für den Artenschutz.

Unter dem Strich zeigt das Pilotprojekt wie komplex eine fachgerechte Verschränkung von Klima- und Artenschutz in der Umsetzung der Energiewende vor Ort ist. Es zeigt aber auch, welche Möglichkeiten eine regional verankerte Projektentwicklung bieten kann, wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen. Von den artenreichen Lebensräumen, die unter und um Solarparks entstehen können, profitiert auch die örtliche Landwirtschaft. Mehr Insekten, mehr Ertrag, so ist das. Konzeptionell gut umgesetzte Solarparks sind Vitamin C für den Artenschutz.

 

Photocredit
https://www.enbw.com/unternehmen/eco-journal/darum-sind-ppas-gut-fuer-die-energiewende.html
https://www.sonnenseite.com/wp-content/uploads/2020/05/solaranlage_schafe_citysolar.jpg