Von der Schönheit des öffentlichen Raums

Wer hätte gedacht, dass diese Pandemie die Verfehlungen einer auto- und konsumzentrierten Stadtplanung so schonungslos offenlegt? Kaum waren wir qua Lockdown in unseren vier Wänden gefangen, wurde deutlich, wie unmittelbar unser Wohlbefinden mit der Güte öffentlicher Räume an unserem Wohnort zusammenhängt. Die Sehnsucht nach Platz, Luft und Natur vor der eigenen Haustür war selten so groß wie jetzt. Doch wir mussten feststellen, dass unsere Städte stromlinienförmig auf Funktionalität und Konsum statt auf Aufenthalts- und Erlebnisqualität getrimmt wurden. Das kommt leider nicht von ungefähr. Die Schönheit urbaner Orte entsteht nicht natürlich, sie ist das Ergebnis von vorausschauender Stadtentwicklungspolitik und den daraus folgenden Investitionsentscheidungen.

Beim Blick in typisch deutsche Innenstädte fragt man sich dieser Tage, ob sich eine von den Botschaften der in den 90er-Jahren populären ‚Reclaim the Streets‘- Bewegung eigentlich in der Stadtentwicklung verfangen hat. Das Ziel dieses superdiversen Konglomerats aus Künstler*innen, Globalisierungskritiker*innen und Stadtökologen war die Rückeroberung urbaner Lebensräume. Sie forderten „Konsumschutzreservate“ und ein „Recht auf nicht kolonialisierte Freiräume“. Klingt sehr links und sehr aktivistisch, keine Frage. Doch wenn man die Inhalte entpolitisiert, haben sie nur eine elementare Frage gestellt, deren unerfreuliche Antwort uns heute an jeder Straßenecke auf die Füße fällt: Wem gehört eigentlich der öffentliche Raum?

In Zeiten wie diesen ist vielen von uns schmerzlich klar geworden, dass der frei verfügbare öffentliche Raum vielerorts sehr beschränkt und zumeist monoton ausgelegt ist. Die Verdichtung von Städten hat zu einer Enge geführt, die uns kaum Platz zur individuellen Entfaltung lässt. Die Corona-Pandemie hat uns deutlich gemacht, dass unsere Städte als Lebensraum direkt vor der eigenen Haustür in Wahrheit ziemlich unattraktiv sind.

Der Frage, wie öffentlicher Raum wiederbelebt und zum Wohl der Allgemeinheit transformiert werden könnte, geht auch die Künstlerin Gretta Louw nach. Ihre aktuelle Plakatkampagne ‚The Commons‘ in München fordert uns als Stadtgesellschaft zur Reflektion auf. Zuspitzungen wie „Imagine every parked car is a tree“ oder „The less private space you own, the more public space you need“ zielen ins Herz der Debatte, die es zu führen gilt. Wir brauchen die Auseinandersetzung über die Frage, wie wir es schaffen in Städten ausreichend Orte zu erschaffen, die sich nicht über Konsum, sondern über Freiraum definieren. Orte, an denen wir uns den Aufenthalt nicht durch den Erwerb von Dingen erkaufen müssen. Doch auch dieser Freiraum braucht infrastrukturelle Rahmenbedingungen, um funktionieren zu können. Sitzgelegenheiten, die Abwesenheit von Verbotsschildern, Trinkbrunnen und kostenlose öffentliche Toiletten, um nur einige zu nennen. Welche gemeine deutsche Fußgängerzone hat mehr zu bieten als eine bedingungslose Shoppingkultur?

Die Einbindung der Bevölkerung in den Gestaltungsprozess neuer Räume ist essenziell. Wie oft wurden schon Parkanlagen, Spielplätze, Fußgängerzonen und Freiflächen an den Bedürfnissen der lokalen Bevölkerung vorbeigeplant. In den Stadtverwaltungen tut sich hierzu einiges, der Muff der autozentrierten Stadtplanung wird vielerorts durch frischen Wind in den städtischen Verwaltungsapparaten aus den Köpfen geblasen. So wurde die Green City Experience GmbH vom Referat für Stadtplanung und Bauordnung mit einer Öffentlichkeitskampagne zum umfassenden Konzeptgutachten „Freiraum München 2030“ beauftragt. Da tut sich was.

So schaut's aus-Von der Schönheit des öffentlichen Raums/ Kolumne "So schaut's aus!" Foto: Sina Scherer
Kolumne “So schaut’s aus!” Foto: Sina Scherer

Letztendlich sind es immer zwei Dinge, auf die es bei der Gestaltung öffentlicher Räume ankommt: Die Aufenthaltsqualität für ein möglichst breites Spektrum von Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen und die Schönheit von Orten an sich. Beide bedingen sich zumeist gegenseitig und schließen qua Definition die Anwesenheit von Autos und Parkplätzen aus. Denn Aufenthaltsqualität wird zumeist mit Grün- und Wasserflächen, im erweiterten Sinn mit ‚Urbaner Natur‘ assoziiert. Das gleiche gilt für Orte, die wir gemeinhin als schön und angenehm empfinden. So ist es kein Wunder, dass die Ikonen städtischer Oasen vielerorts Begrünungsprojekte sind. Die New Yorker ‚Highline‘ oder die Wiederbelebung der Innenstadt von Cheonggyecheon in Südkorea durch den Abriss einer Stadtautobahn und die Schaffung eines Naherholungsgebietes mit einem Fluss sind markante Beispiele. Auch Green City arbeitet an der Öffnung des westlichen Stadtgrabenbachs in der Herzog-Wilhelm-Straße zwischen Sendlinger Tor und Stachus. So würde aus einem zugeparkten Unort eine Oase mitten im Herzen Münchens.

Es braucht Menschen, die den Status Quo nicht akzeptieren

Doch es müssen nicht immer solche große und in der Umsetzung komplexe Projekte sein. Gerade jetzt, wo der Bedarf nach städtischer Naherholung so immens ist, braucht es schnelle und temporäre Lösungen. Auch hier zeigt Green City wie es gehen kann. Mit dem Palmengarten auf der Theresienwiese wurde auf einer an sich unwirtlichen Fläche ein Ort mit Aufenthaltsqualität geschaffen. Was es dazu braucht sind die Ideen, Spenden und Fördermittel sowie helfende Hände. Gerade solche Projekte zeigen, dass wir Bürger*innen die Möglichkeit haben, unsere Städte in lebenswertere Orte zu verwandeln. Es ist eine Freude zu beobachten, wie dankbar die Menschen solche geschaffenen Wohlfühlorte im Handumdrehen annehmen und nutzen. Es ist wie ein kollektives Lechzen nach einer kurzen Auszeit.

Städte brauchen solche Investitionen in ihre Lebensqualität. Nur so bleiben sie für ihre Bewohner attraktiv und ziehen Menschen an, denen es nicht egal ist, in was für einer Umgebung sie wohnen. Politische Entscheidungsträger gleich welcher Couleur sollten sich eines bewusst machen: Die Schönheit und die Qualität öffentlicher Räume ist auch ein Wirtschaftsfaktor. Dies gilt einerseits für den Tourismus, andererseits für die Attraktivität von Standorten als solche. Je schöner und qualitativer Städte im Hinblick auf Reize wie Parks, Grünanlagen, Wasserflächen, autofreie Innenstädte, Radwege sowie historischer Gebäude sind, desto attraktiver sind sie für Wirtschaft und neu hinzuziehende Bürger*innen. Und das wirkt sich massiv auf den finanziellen Gestaltungsspielraum von Stadtregierungen aus. Ein weiterer positiver Nebeneffekt ist die Reduktion von Freizeitverkehr. Wenn Naherholung vor der eigenen Haustüre so attraktiv ist, spart man sich doch gerne mal die Fahrt in die Natur.

Mehr noch, besondere urbane Transformationsprojekte sind Leuchttürme mit großer Strahlkraft, sie sind identitätsstiftend und wegweisend für das Selbstverständnis von Stadtgesellschaften. Sie zeigen den Charakter eines Ortes und sind ein Versprechen für zukünftige Generationen. Kurzum, wir brauchen mehr davon!

Martin Betzold ist Brand Manager der Green City AG. Seine Kolumne „So schaut`s aus!“ befasst sich meinungsfreudig mit gesellschaftspolitischen Themen im Kontext der Energie- und Verkehrswende sowie den damit einhergehenden Veränderungen.

Ihnen brennt ein Thema oder eine Antwort unter den Nägeln? Schreiben Sie direkt an unseren Kolumnisten: soschautsaus@greencity.de

 

 

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