Warum Ökostrom die Antwort auf die aktuelle Energiekrise ist

Steigende Energiepreise treiben die Inflation und sind derzeit in aller Munde. Der Strompreis klettert seit Monaten nur in eine Richtung und bereitet Verbrauchern und Industrie große Schwierigkeiten. Reflexartig diskutiert die Politik über Senkung von Steuern und Abgaben, die EEG-Umlage soll zügig abgeschafft werden, auch die Stromsteuer steht zur Debatte. Doch welche Maßnahmen sind sinnvoll? Und welche Rolle spielen die Erneuerbaren Energien für die Preisentwicklung?

von Michael Renninger | Lesezeit 5 Minuten

Es lohnt ein Blick in den Rückspiegel: Anfang letzten Jahres wurde erstmals ein Anteil von mehr als 50% erneuerbare Energien im deutschen Strommix bilanziert und von vielen schulterklopfend zur Kenntnis genommen. Super, Deutschland kann Erneuerbare! Ein Jahr später wird schmerzhaft klar: Die Hälfte klingt nach viel, ist aber in Wirklichkeit viel zu wenig. Die Politik hat mit ihren energiepolitischen Entscheidungen in den letzten 15 Jahren selbst dazu beigetragen, dass unsere Energiepreise explodiert sind. In diesem Beitrag wollen wir erklären, warum das so ist.

Werfen wir also einen genaueren Blick auf die entscheidenden Details wie die Zusammensetzung des Strompreises für Endkunden. Während die Steuern und Abgaben 2022 um 13% im Vergleich zum Vorjahr sanken, haben sich die Erzeugungskosten um 60% verteuert – und genau das ist das Problem. Die durchschnittlichen jährlichen Mehrkosten für Strom und Heizung liegt für einen typischen Haushalt auf Sicht von 12 Monaten im deutlich dreistelligen Bereich. Das steckt nicht jeder einfach mal so weg. Hinzu kommt die Inflation. Die Teuerungsrate wird maßgeblich durch Energiekosten beeinflusst. So steigen mit den Energiepreisen auch die Erzeugerpreise für andere Güter und Nahrungsmittel.

Kohle, Öl und Erdgas sind die Preistreiber

Warum die Erzeugungskosten für Strom so stark gestiegen sind, ist schnell erklärt: Der Preis an der Strombörse, und damit die Kalkulationsgrundlage für Stromlieferanten, bildet sich nach dem Merit-Order-Modell, in welchem die produzierenden Kraftwerke nach ihren Grenzkosten von billig nach teuer sortiert und abgerufen werden. Dabei setzt das teuerste Kraftwerk, das dabei in einer bestimmten Stunde zur Deckung des Strombedarfs benötigt wird, mit seinen Grenzkosten den für alle Anbieter und Abnehmer einheitlichen Strompreis in eben dieser Stunde.

 

Hände, die leuchtende Glühbirne halten
Auch Strom wird an einer Börse gehandelt. Foto: Unsplash Riccardo Annandale

Und diese preissetzenden Kraftwerke sind nach wie vor in vielen Zeiträumen des Jahres fossil befeuert. Die Preise für Kohle und Gas sind jedoch in den vergangenen Monaten stark gestiegen. Höhere Nachfrage aufgrund anziehender Konjunktur, niedrige Füllstände in den deutschen Gasspeichern kombiniert mit politischen Spannungen mit dem wichtigsten europäischen Erdgaslieferanten Russland haben im vergangenen Jahr teilweise zu einer Vervierfachung der Gaspreise geführt. 20 EU-Staaten sind direkt abhängig von Gaslieferungen aus Russland, mit einem Anteil von 40% ist Russland der wichtigste Gaslieferant Europas. Schon ist im Zusammenhang mit dem Ukraine-Konflikt und der kurz vor Inbetriebnahme stehenden Pipeline Nord Stream 2 vom „Kalten Gaskrieg“ die Rede, in welchem die EU wie ein zahnloser Tiger agiert.

 

Wir haben uns mit rückwärtsgewandter Energiepolitik selbst in die Bredouille gebracht, die Konsequenzen bekommen wir jetzt zu spüren.

Ökostrom macht uns unabhängiger

Größere Erzeugungsmengen an Wind- und Solarenergie im Stromnetz an mehr Stunden im Jahr bedeutet weniger Preiseinfluss von teuren Kohle- und Gaskraftwerken. Die hohe Abhängigkeit von russischem Erdgas steht demnach im direkten Zusammenhang mit dem zu zögerlichen Ausbau der erneuerbaren Energien und dem viel zu langen Festhalten an fossilen Brennstoffen. Zugespitzt formuliert: Hätten wir mehr heimische Ökostrom-Anlagen (und dazugehörige Speicher) gebaut, wären wir nicht in diesem Ausmaß von russischem Erdgas abhängig und Verbraucher hätten unterm Strich mehr Geld in der Tasche.

Apropos Geld: Über die EEG-Umlage, die nun abgeschafft (oder besser gesagt: von der Stromrechnung der Verbraucher entfernt) werden soll, wurde in der Vergangenheit immer wieder heftig diskutiert und gestritten. Dabei ist sie ein Musterbeispiel an Transparenz. Denn im Gegensatz zu den Milliardensubventionen für fossile und nukleare Energieträger und deren Folgekosten, die im Hintergrund aus Steuermitteln bezahlt werden und nur scheinbar nicht beim Verbraucher landen, können Stromkunden jederzeit beim Blick auf die Abrechnung sehen, welcher finanzielle Beitrag in Form der EEG-Umlage für den Ausbau der Erneuerbaren Energien im Preis jeder einzelnen Kilowattstunde enthalten ist.

Abschaffung hin oder her: Auf jeden Fall muss auch künftig gewährleistet sein, dass Erneuerbare Energien auch und gerade in Zeiten sehr niedriger Strompreise Unterstützung (durch die Marktprämie, bislang bezahlt aus der EEG-Umlage) erhalten, so dass geplante Wind- und Solarparks auch wirklich gebaut werden. Demgegenüber könnte als preisdämpfende Maßnahme eine Kappung der am Markt erzielbaren Erlöse implementiert werden, um künftig in Phasen hoher Marktpreise übertriebene Mittelabflüsse zu vermeiden.

Sanfte Hügellandschaft auf der Windräder stehen.
Ökostrom sorgt für größere Unabhängigkeit von Importen fossiler Energieträger. Foto: Unsplash Appolinary Kalashnikova

Also: weiterhin garantierte Mindestpreise zur Gewährleistung des Ausbaus der Erneuerbaren Energien kombiniert mit der Begrenzung von Mehrerlösen für die Betreiber von Wind- und Solarparks in marktbedingten Hochpreisphasen.

Auch die Industrie denkt um. Aktuell vollführen Deutschlands energieintensive Unternehmen eine interessante Kehrtwende. War das Geschäftsgebaren jahrelang geprägt von Lamentieren über den angeblich zu schnellen Ausbau der Erneuerbaren Energien mit dem Slogan „Strom muss bezahlbar bleiben“, schließen die gleichen Unternehmen nun reihenweise langfristige Direktlieferverträge mit Betreibern von Wind- und Solarparks ab, da nur diese dauerhaft Preisstabilität und CO2-Neutralität garantieren.

Somit ist das Schließen der in den vergangenen Jahren immer größer werdenden Ökostromlücke eine der dringendsten Aufgaben auf der politischen Agenda. Die zügige Transformation des deutschen bzw. europäischen Energiesystems weg von Kohle und Gas hin zu Wasser, Wind und Sonne – flankiert von schlüssiger europäischer Energiepolitik in Sachen Vernetzung und Speicherung – hat nicht nur eine hohe ökologisch-ökonomische, sondern auch, wie aktuell deutlich sichtbar, geopolitisch-strategische Bedeutung.

Deshalb: Erneuerbare Energien ausbauen – für (Versorgungs-)Sicherheit und Frieden.

Quellen
Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE, Strom-report, welt.de, Der Westen, tagesschau.de, Efi-Net

Photocredit
Header/Preview Unsplash micheile
Copy Unsplash Appolinary_kalashnikova,Unsplash Riccardo Annandale