WIRKUNGSGRAD: Klima, Kohle, Kapital: Strategien für eine globale Energiewende

Wem Geld entzogen wird, erleidet einen Imageverlust. Die Divestment-Bewegung „Fossil Free“ will diesen Hebel nutzen, um den Ausstieg aus der Nutzung fossiler Energieträger zu beschleunigen und damit den Klimawandel zu bremsen. Ihr Appell: Gebt kein Geld für das, was unser Klima kaputtmacht! Welche Erfolge die weltweite Kampagne bisher verbuchen konnte und was Städte und Organisationen wie die Kirche tun können, wurde am Mittwoch, den 30. November im Freiburger Vorderhaus diskutiert. Die Podiumsdiskussion mit rund 100 Besuchern bildete den Abschluss der WIRKUNGSGRAD – Themenreihe Klima und Energie und wurde in Kooperation mit den Elektrizitätswerken Schönau ausgerichtet. Das Fazit: Man kann vieles bewegen, aber es muss schnell gehen.

Das Prinzip Divestment

Divestieren ist denkbar einfach, wie Tine Langkamp, Koordinatorin der Fossil-Free-Kampagne in Deutschland, in ihrem kurzen Einführungsvortrag erklärt: Wenn den größten Öl-, Gas-und Kohleunternehmen das Kapital entzogen wird, stoßen wir damit eine öffentliche Debatte an und entziehen der fossilen Industrie ihre soziale Akzeptanz“. Einige Städte und Organisationen in Deutschland haben bereits im Sinne der Kampagne gehandelt – vorneweg Stuttgart, deren Gemeinderat Mitte 2016 beschlossen hat, das städtische Geld aus Unternehmen abzuziehen, die in den Abbau von Kohle und Öl investieren oder Erdgas durch Fracking fördern. Auch Münster, Berlin, Bochum oder Osnabrück wollen raus aus der Kohle oder sind es schon.

Was machen die lokalen Akteure?

Auf die Frage, warum nicht auch Freiburg einen entsprechenden Beschluss fasst, hat die auf dem Podium sitzende Vorsitzende der grünen Stadtratsfraktion, Maria Viethen, eine einfache Antwort: „Momentan hat die Stadt gar kein Geld, um es irgendwo anzulegen.“ Das wollen die Moderatorin der Podiumsdiskussion, Annette Bohland, und Tine Langkamp nicht gelten lassen: Schließlich könne die Stadt mit einem Grundsatzbeschluss zu städtischen Geldanlagen schon jetzt die Richtung vorgeben. Viethen verspricht: „Wenn Freiburg je Geld zum Anlegen hat, werden wir es nicht in Kohle-, Öl- oder Gas-Unternehmen investieren.“

Die Geldanlagen der Kirche

Die katholische Kirche dagegen hat bekanntermaßen viele Geldanlagen und zumindest die Erzdiözese in Freiburg beschäftigt sich auch schon seit einigen Jahren mit ethisch und ökologisch passenden Kriterien für ihre rund 715 Millionen Euro an Rücklagen, wie deren Ökonom Michael Himmelsbach auf dem Podium berichtet. „Wenn man das Soziale und Ökologische bei der Anlagestrategie zuerst denkt, kommt ein ganz anderer Prozess in Gange und es wird klar, dass man sich auch von bestimmten Anlagezielen verabschieden muss“, so Himmelsbach. Nach welchen Kriterien die Erzdiözese genau anlegt, ist bislang nicht öffentlich; Bereiche wie Kernkraft, Rüstung, Gentechnik oder Kinderarbeit stünden aber natürlich auf dem Index, wie Himmelsbach betont. Investitionen in Kohle und Öl scheinen nicht explizit ausgeschlossen, spielen im Portfolio der Erzdiözese aber wohl nur eine untergeordnete Rolle. Gerade bei Staatsanleihen sei es aber mitunter gar nicht so einfach zu entscheiden, wo die Grenze verläuft: „Die meisten Länder unterhalten ja zum Beispiel Militär, haben also definitiv mit Rüstung zu tun“, gibt Himmelsbach zu bedenken. Letztlich bliebe einem nichts anderes übrig, als seine Kriterien ständig auf den Prüfstand zu stellen.

Die Anlagekriterien der GLS-Bank

Dies bestätigt auch Wilfried Münch, Regionalleiter GLS-Bank Baden-Württemberg und an diesem Abend ebenfalls als Podiumsgast geladen: „Es ist immer ein Ringen um den richtigen Weg.“ Aktuell kämen nach den Kriterien der Bank noch 90 bis 95 Aktientitel als Geldanlage in Frage, berichtet er. Auch in den Anlagekriterien der GLS-Bank sind Fossile-Energie-Unternehmen – im Gegensatz etwa zu Atomenergie und Embryonenforschung – nicht explizit ausgeschlossen Dafür steht aber „kontroverses Umweltverhalten“ auf dem Index, was zum Beispiel der Raubbau an Ressourcen einschließt.

Einig war man sich, dass der Kapitalentzug bei den großen Fossile-Energien-Unternehmen keinen negativen Effekt auf die Rendite des Investments haben muss. Im Gegenteil: „Es schützt unser Kapital vor der Kohlenstoffblase“, wie Michael Himmelsbach von der Erzdiözese Freiburg bemerkt. Denn eines ist klar: Wenn wir es mit dem Zwei-Grad-Ziel wirklich ernst meinen, bricht den Unternehmen im Bereich der fossilen Brennstoffe rasch die Geschäftsgrundlage weg. Aus einfachem Grund: Alles was jetzt noch gefördert wird, darf dann gar nicht mehr verbrannt werden.

Die nächsten 5 bis 10 Jahre sind entscheidend

Sowohl Sebastian Sladek, Vorstand der Elektrizitätswerke Schönau (EWS) als auch Tine Langkamp hielten zum Schluss ein flammendes Plädoyer, nicht einfach nur zur hoffen, dass schon alles gut werde, sondern schnell zu handeln. „Ich mache mir wirklich ernste Sorgen, vor allem um meine Kinder“, so Sladek. Bereits in den nächsten fünf bis zehn Jahren müsse die Abkehr von den fossilen Brennstoffen gelingen, sonst sei das Zwei-Grad-Ziel kaum noch zu erreichen und die Gefahr, klimatische „Kipppunkte“ zu überschreiten, sehr groß.

Auf die Frage aus dem Publikum, ob die Teilnehmer der Podiumsdiskussion überhaupt noch Hoffnung hätten, dass die Wende gelingen könnte, entgegnete Langkamp: „Ja, natürlich ist Hoffnung angebracht. Aber sicher keine, die sich zurücklehnt und wartet, sondern eine, die zupackt und umsetzt.“

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