WIRKUNGSGRAD: Wenn Konzerne den Protest managen.

Start der Themenreihe WIRKUNGSGRAD: Über künstliche Bürgerinitiativen. Wie Unternehmen mit vorgetäuschtem Bürgerengagement die eigenen ökonomischen Interessen unterstützen – das Thema stößt auf großes Interesse. Das zeigte das Podiumsgespräch „Wenn Konzerne den Protest managen“, das Green City Energy am 12. Oktober in Kooperation mit der Münchner Volkshochschule und dem Wirtschaftsmagazin enorm veranstaltete.

Nick Reimer, Buchautor und ehemaliger Chefredakteur des klimapolitischen Online-Magazins klimaretter.info zeigte in seinem spannenden Impulsvortrag den 80 Besuchern auf, wie künstlichen Bürgerinitiativen (engl. Astroturfing) eigentlich funktionieren und wer dahinter steckt. Der Umweltjournalist berichtete über seine Erfahrungen aus jahrelangen Auseinandersetzungen mit starken Lobbys. Moderiert wurde der Abend von Marc Winkelmann dem Chefredakteur des enorm Magazins.

„Es geht nie um die Interessen der Allgemeinheit“

Nick Reimer ging zunächst auf die Geschichte des Astroturfing ein: 1991 wurde das erste deutsche Klimaziel relativ geräuschlos beschlossen, weil Lobbyisten das Thema noch nicht auf dem Schirm hatten. Dies war auch die Zeit, als die ersten Unternehmen anfingen, sich einen grünen Anstrich zu geben. Ein Jahr darauf reagierte Greenpeace und veröffentlichte das erste Book of Greenwashing.

2001 wurde das EEG beschlossen. Für Nick Reimer „das sozialistischste Gesetz, das jemals beschlossen wurde – denn Bürger wurden zu Produzenten.“ Die Konterrevolution der Unternehmen, v.a. aus der Energiebranche bestand im sog. Astroturfing. Darunter versteht man das künstliche Nachahmen einer Bürgerbewegung oder Bürgerinitiative im Auftrag von Unternehmen, PR-Firmen oder politischen Institutionen. Der Hintergedanke dabei: Wer Akzeptanz schaffen will, muss selbst glaubwürdig erscheinen. Aber genau die Glaubwürdigkeit fehlt vielen Unternehmen.

Als Mitbegründer des Klima-Lügendetektors sind Nick Reimer zahlreiche Beispiele von Astroturfing bekannt. Die folgenden Beispiele verschiedener PR-Strategien zeigen, was möglich ist, um unsere Meinung zu beeinflussen.

Was ist Astroturfing?

Als ein wichtiges Beispiel für die Astroturfing-Strategie nannte Reimer die im Rheinland etablierte Pro-Braunkohle-Bürgerinitiative „Unser Revier – unsere Zukunft – an Ruhr und Erft“ Diese wurde im April 2015 gegründet. Allerdings war die Adresse des Vereins dieselbe wie die des Deutschen Braunkohlen-Industrie-Vereins. Auch personell gibt es einige Verflechtungen. Dazu lässt sich einiges bei Lobby-Control erfahren. Nicht verwunderlich, dass die Aktivitäten dieser sogenannten Bürgerinitiative auch den Interessen der Braunkohleindustrie entsprechen.

„Die Pest sind die Think Tanks“

Sogenannte Think Tanks sollen zur Meinungsbildung beitragen. Als prominentes Beispiel gilt die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, eine Arbeitgeberinitiative, die sich selbst „als regierungs-unabhängige, branchen- und parteiübergreifende Organisation“ beschreibt und immer wieder Stimmung gegen die Energiewende machen will. So hat sie die mit gezielten Fehlinformationen unterfütterte PR-Schlacht um eine angebliche “Ökostrom-Kostenexplosion” entscheidend angestoßen und mitgeprägt, eine Aussage, die durch Fakten ganz einfach widerlegbar ist. Auch eine kürzlich vorgelegte Studie zu den Kosten der Energiewende soll zeigen, dass das EEG eigentlich abgeschafft gehört.

Bevor sich das Publikum mit vielen Fragen und Statements an das Podium richtete, wurde der Vortrag mit dem Film „Energie ist nicht schwarz-weiß“ abgeschlossen, der im Rahmen der 10 Mio. teuren Kampagne des Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft e.V. (BDEW) lief. Diese arbeitet stark mit den Stilmitteln von Campact, einer tatsächlichen Bürgerbewegung in der 1.867.325 Menschen für progressive Politik streiten. Der Kampagnenfilm zeigt beispielhaft, wie subtil hier mittlerweile gearbeitet wird, so dass schwarz und weiß oft schwer zu unterscheiden sind. Es lohnt sich also immer, ganz genau hinzusehen.

Am 26.9.2015 fand in Berlin die Tagung „Wenn Konzerne den Protest managen…“ von Robin Wood, Lobby Control, Linke Medienakademie und klimaretter.info statt. Eine ausführliche Dokumentation der Veranstaltung sowie den Tagungsband Konzern. Macht. Protest. Über gesteuerte Bürgerinitiativen – Daniel Häfner (Hg.) finden Sie hier.

Lesen Sie hier das gesamte Interview mit Nick Reimer